→ Ins Innere Griechenlands

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Gertrud Schmidt & Gerd Bock
ISBN 978-3-943446-56-2
Preis: € 20,-
480 Seiten
26 Farbfotos, 130 s/w-Fotos
Softcover
Edition Contra-Bass

Inhaltsbeschreibung:

2011, im Urlaub auf Kreta, waren wir nicht nur beeindruckt von der Schönheit der Insel, sondern auch davon, wie katastrophal sich die angebliche „Griechenlandrettung“ auf die Bevölkerung auswirkte. Ein tiefergehendes Interesse war erwacht. Den letzten Anstoß, uns für Griechenland zu engagieren, gab uns Karl Heinz Roth im Herbst 2013. Auf seine beeindruckende Weise zerpflückte er in seinem Referat „Griechenland: Was tun?“ die Austeritätspolitik und machte erschütternd klar, wie sich die griechische Gesellschaft auf den sozialen Abgrund zu bewegte. Wir reisten zwischen 2015 und 2018 dreimal nach Griechenland, wollten das Land als politisch interessierte Touristen erkunden, wollten erfahren, wie die Krise der EU Land und Leute heimsuchte, sie bedrückte und ihre Gegenwehr auslöste. Neben Griechenlands Gegenwart waren uns die Zeugnisse des Altertums und der jüngeren Geschichte wichtig, so auch die Spuren deutscher Kriegsverbrechen. Das Ergebnis ist eine Reportage voller Eindrücke vom Land und seinen Menschen. Wo immer wir auf Orte von kunsthistorischem oder politisch-historischem Interesse stießen, haben wir Informationen dazu in die Erzählung eingefügt, von der Antike bis in unsere Tage. Weitere vertiefende Materialien, literarische, politische, historische, sind im Anhang abgedruckt.

Leseprobe:

Als „Gastarbeiter“ nach Deutschland (1960 – 1973) Zum Thema der griechischen Gastarbeiter*innen in Deutschland, dem wir immer wieder begegnet sind, gibt es eine Veröffentlichung: „Wir hatten das Zeug zum Auswandern“, verfasst 2012 in Delmenhorst bei Bremen. Sie wurde im Rahmen einer unserer Griechenlandveranstaltungen vom deutsch-griechischen „Kulturverein Dialogos“ aus Delmenhorst vorgestellt. Darin berichten dort lebende Exilgriechen von den Schwierigkeiten, die Erlaubnis zur Arbeitsmigration nach Deutschland zu bekommen und von ihren Erfahrungen, nachdem sie bei der Norddeutschen Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei „Nordwolle“ Arbeit gefunden hatten. Wir zitieren daraus: „Vielfältig waren die Papiere, die der letztentscheidenden Deutschen Kommission vorgelegt werden mussten: Die Erlaubnis des Arbeitsministeriums, ein Reisepass, dafür brauchte man weitere Papiere und Zeugnisse, wie den Eintrag ins Register der Gemeinde, keine Schulden gegenüber dem Finanzamt, ein polizeiliches Führungszeugnis und ein Loyalitätszeugnis über die nationale Gesinnung.“ Auswahlkriterium „nationale Gesinnung“: „Diese Papiere konnten der politischen Linken zuzurechnende Personen oder solche, die als politisch belastet galten, schwer oder überhaupt nicht bekommen. Die Loyalitätszeugnisse wurden von der Polizei und der Asfalia, der Sicherheitspolizei, erteilt. Die Antragsteller mussten bei der Anhörung eine Reihe von Fragen, zum Beispiel zum Wahlverhalten der Verwandten, beantworten und Demütigungen ertragen. Wurden sie beim Verhör übermütig oder gar aufsässig, bekamen sie Prügel und wurden für eine unbestimmte Zeit eingesperrt. Manchmal wurde ein Zeugnis mit der mündlichen Begründung: Wenn wir wollen, geben wir dir das Zeugnis ‚verweigert‘.“ Ein Betroffener erzählt: „Im Februar 1962 wurde ich selbst, Grigorios Panagiotidis, von der „Deutschen Kommission“ in Athen vermittelt. Ich musste, wie alle anderen auch, mit vielen Papieren erst zum Arbeitsministerium gehen, um eine Legitimationskarte zur Vorlage bei der „Deutschen Kommission“ zu bekommen. Die Büros dieser Behörde waren voller Leute. Einige warteten bereits tagelang, bis sie an die Reihe kamen. Viele waren von außerhalb Athens angereist und hatten kein Geld, um im Hotel zu übernachten. Gezwungenermaßen schliefen sie häufig selbst in der Winterkälte in verlassenen Schuppen oder im Freien in den Parkanlagen. Durch die Strapazen und Entbehrungen, den Schlaf- und Nahrungsmangel und wegen fehlender Waschmöglichkeiten machten sie einen heruntergekommenen und bedauernswerten Eindruck. Viele von ihnen wurden einfach mit der Begründung weggeschickt, sie sähen so krank und verwahrlost aus, dass sie keine Chance hätten, von der „Deutschen Kommission“ vermittelt zu werden. Anderen wurde die Legitimationskarte ohne Begründung einfach verweigert. Zu den gängigsten Schikanen gehörte, dass die Bediensteten entweder immer mehr Bescheinigungen und Zeugnisse verlangten – oder einfach die Fälle unbearbeitet ließen. Diese Schikanen wiederholten sich in den Büros des Außenministeriums, das für die Ausstellung von Reisepässen zuständig war. Einige mussten tagelang vor diesen Stellen warten und gaben schließlich entnervt und verbittert auf. Einige versuchten, das Personal direkt mit Geld zu bestechen. Zum anderen gab es sowohl beim Arbeitsministerium als auch beim Außenministerium Personen, die gegen Geld ihre Dienste anboten. Für ca. 2.000 Drachmen (das war 1962 der Monatslohn eines Facharbeiters in Athen) versprachen sie, sowohl den Reisepass als auch die Legitimationskarte zu besorgen. Für viele galt es als letzter Weg, einen Abgeordneten (der Konservativen) ihres Nomos aufzusuchen und ihn um Hilfe zu bitten. Für diese Leute war der Abgeordnete die einzige politische Persönlichkeit, die ihr Leben regelte. Denn man muss wissen, dass derjenige, der auswandern wollte, vor der gesundheitlichen Untersuchung und vor jeder anderen Prozedur die Ausstellung des „Papiers“ erreichen musste, also die Erteilung der Auswanderungserlaubnis, die nur jenen gestattet wurde, die nicht mit linker Tätigkeit oder Vergangenheit belastet waren. Alle Abgeordneten hatten ihre Büros mit mehreren Angestellten in Athen. … Diese Büros waren ständig voller Leute und jeder Besucher wollte etwas anderes. Auch dort musste man lange warten. In der Regel genügte ein Anruf des Abgeordneten oder eines seiner Angestellten bei der Behörde, die Schwierigkeiten machte, um den Fall zu erledigen. Der Korrektheit halber soll bemerkt werden, dass sich selbst rechte Abgeordnete der regierenden Partei in der Regel hilfsbereit zeigten, wenn sie von links stehenden Bittstellern um eine Gefälligkeit oder Unterstützung gebeten wurden. Mit der Legitimationskarte gingen die zukünftigen Arbeitsmigranten zur „Deutschen Kommission“, die sie medizinisch untersuchte: den Gesundheitszustand, aber auch Körpergröße und Körperbau. Die Ärzte, Deutsche wie Griechen, Männer wie Frauen, waren diesen Menschen gegenüber äußerst unfreundlich und grob. Durch ihr Verhalten wurden die zu untersuchenden Personen in Angst und Schrecken versetzt. An der Arbeitsmigration in die BRD waren die in Nordgriechenland lebenden Flüchtlinge und ihre Nachkommen beteiligt. Schätzungsweise knapp die Hälfte der griechischen Arbeitsmigranten in der BRD gehörte dieser besonderen Bevölkerungsgruppe an. Man kann sagen, dass es eine Kontinuität in der Wanderung gab. Die Eltern kamen als Flüchtlinge von Kleinasien nach Griechenland, und die Kinder emigrierten in die BRD. Viele Migranten kamen aus äußerst armen Verhältnissen, etwa Kleinbauern aus Nordost-Griechenland. Schwierige Lebensbedingungen in Deutschland Die Lebensbedingungen in Deutschland waren alles andere als rosig. Griech*innen, die nach Delmenhorst zur „Nordwolle“ geholt wurden, brachte man in Wohnheimen unter, mehrere Personen in einem Zimmer in Stockbetten, mit Gemeinschaftsküchen. Hier entwickelte sich zwar auch ein Gemeinschaftsleben, aber „genervt und enttäuscht von diesen Umständen“ kümmerten sich die Bewohner in der Folgezeit konsequent darum, vor allem ihrer Wohnungsnot ein Ende zu setzen. Zwischen 1960 bis 1973 (Anwerbestopp) wurden insgesamt knapp 385.000 griechische Arbeitnehmer*innen in die Bundesrepublik vermittelt.