→ Vincent und Theo van Gogh – Das Atelier des Südens

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Essay
ISBN 978-3-943446-54-8
Preis: € 18,-
228 Seiten mit 20 Bildern des frühen van Goghs
Edition Contra-Bass

Inhalt:
Vincents Eltern lieben ihn ganz besonders, weil er nach einer Totgeburt der erste lebende Sohn ist. Er soll etwas Besonderes werden, denn er stammt aus einer angesehenen Familie des gehobenen Bürgertums. Auf einer Eliteschule unterrichtet ihn ein Maler, der in der französischen Künstlerkolonie von Barbizon war. Das ist für den Jugendlichen ein wegweisen-der Kontakt zur impressionistischen Malerei, aber seine Aufgabe ist eine andere. Er soll der Familie Ehre machen!
Vincent und Theo werden Bilderhändler, in ihrer Ausbildung erwerben sie sich Wissen über Malerei und Maler, das sie ihr Leben lang vertiefen.
Vincent bricht mit dem Vater und der Bürgerlichkeit, weil er das Elend der Minenarbeiter in Belgien erlebt. Sein erster Mal-Lehrer Octave Maus gehört zur holländischen Avantgarde.
Theo hält den Kontakt zur Familie, bleibt Bilderhändler, aber bewundert seinen großen Bruder und unterstützt ihn auf seinem Weg zum Maler – finanziell und ideell. Die Brüder schließen einen Pakt: Der Händler Theo erhält alle Bilder des Malers Vincent und finanziert dafür sein Leben. Sie ziehen in Paris gemeinsam in eine Wohnung. Vincent wird in Malerkreisen akzeptiert und ist optimistisch.
Voller Pläne macht er sich allein auf den Weg Richtung Marseille, doch kommt er nur in die Provinzstadt Arles, wohin Gauguin ihm folgt. Das Atelier des Südens entsteht.
Die Konkurrenz ist stärker als das gemeinsame Ziel. Vincent verletzt sich selbst am Ohr als Zeichen seiner Niederlage und gerät in eine tiefe Krise.
Zur selben Zeit findet Theo die Frau seines Lebens, wird Vater und löst sich von seinem Bruder.

Autor:
Gerd Stange, geboren 1944, Studium in Hamburg, Aix-en-Provence und Paris, 1975 Dozent am Romanischen Seminar in Hamburg, seit 1979 in der freien Erwachsenenbildung. 1997 Aufbau eines Kulturzentrums in Südfrankreich gemeinsam mit Astrid Schmeda: Ferienkurse zu kulturellen, historischen, künstlerischen Themen. Seit 2000 wieder Übersetzer. Seit 2010 Verleger, Übersetzer und Schriftsteller in der Edition Contra-Bass.

Textprobe:
1879

Mitte Januar 1879 Ab Februar wird Vincent für 6 Monate als
Evangelist angestellt.
10. August Ablehnung als Evangelist, Besuch von Theo
Mitte August Umzug nach Cuesmes
Er schickt die ersten Zeichnungen an Tersteeg.
1. November Theo wird von Goupil in Paris fest angestellt.

Bislang hat sich Vincent für die Ehre der Familie verdient gemacht. Noch wird er nicht abgeschrieben, aber ein Machtwechsel deutet sich an. Mutter Anna schreibt am 27. Februar 1879 an Theo:
„Behalten Sie das für sich, Sie müssen darauf nicht antworten, niemand hat zugesehen, wie ich Ihnen geschrieben habe: Jetzt wo der Älteste die Krone abgeschüttelt hat, ist es unsere verdoppelte Hoffnung, dass der Zweite die Krone wieder aufsetzen wird.“
So zieht sie Theo ins Vertrauen und macht ihn zum Verbündeten. Dieser Aufstieg im mütterlichen Wohlwollen tut ihm gewiss gut, denn bislang war Vincent Mutters Favorit. Anders als Vincent lässt er sich dauerhaft einfangen und trägt tapfer die Verantwortung des Thronfolgers. Dazu gehören die Sorge für Eltern und Geschwister und der Kontakt mit dem unbiegsamen Bruder. Es kommt zu Konflikten und Auseinandersetzungen zwischen den Brüdern. Vincent bekämpft den verlängerten Arm des Vaters und bleibt deshalb lange Zeit auf der Hut, bevor er wieder Vertrauen zu Theo fassen kann.

Mit einem Gehalt von 50 Francs monatlich wird Vincent für ein halbes Jahr als Laienprediger in Wasmes (gehört heute zu Colfontaine) angestellt. 1873 bei Goupil hat er schon 100 Francs verdient, sein Anfangsgehalt dürfte 80 Francs betragen haben. Einen Teil davon hat er den Eltern gegeben, denn zum Leben brauchte er weniger.
Ein Fabrikarbeiter verdient zu der Zeit 40 Francs und muss Frau und fünf Kinder versorgen. Ein Weber verdient noch weniger. Der Briefträger Roulin in Arles, mit dem Vincent sich anfreunden wird, hat 135 Francs mit Frau und drei Kindern zur Verfügung. Als Einzelperson ist der Betrag von 50 Francs monatlich also vergleichsweise viel, denn die Menschen im Kohlerevier leben am Existenzminimum.

Vincent erlebt eine Schlagwetter-Explosion, Streiks, eine Typhus-Epidemie und ein „blödes Fieber“, das Albträume erzeugt, und oft ist er der Einzige, der hilft. Er ist entsetzt und erschüttert und schockiert über die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen dort, leidet mit ihnen, entledigt sich seiner feinen Kleider, demonstriert mit ihnen, hilft wo er kann, fährt selbst mit nach unten in 700 Meter Tiefe, um zu erfahren, wie es dort ist, und sagt sich von seiner bürgerlichen Herkunft los. „Er war sehr schön gekleidet, hatte gute Manieren und seine ganze Person war von holländischer Sauberkeit gekennzeichnet“, das erzählt ein alter Pastor, der Vincent damals gekannt hat. Damit bricht er im Borinage und solidarisiert sich mit den Ausgestoßenen – auch um den Preis, von den Seinen ausgestoßen zu werden, weil er diese Verhältnisse menschenunwürdig findet und sein Herz nicht verschließen, seinen Glauben nicht verraten kann.
Um eine Vorstellung von der frühkapitalistischen Ausbeutung insbesondere in den Kohlengruben zu bekommen, gibt es damals keine Öffentlichkeit, keine Medien, keine Literatur (außer von Friedrich Engels über die vergleichbaren Verhältnisse in England). Für einen überzeugten Christen, der sich hinein begibt, ist es unerträglich wegzuschauen. Das Verhalten der Kirchenleute ist für Vincent skandalös, während sie den Mantel des Schweigens darüber legen wollen und Vincent diffamieren. Er hat sich für mehr Gerechtigkeit engagiert und ist sogar zu den Leitern der Bergwerke gegangen, aber hat sich auf diese Weise beim Bürgertum unbeliebt gemacht, wozu auch die eigene Familie gehört. Es gibt wenig Kontakt und selten Briefe von ihm in dieser Zeit.
Im Borinage fängt Vincent an, systematisch zu zeichnen.
Die Zeit im Borinage prägt nicht nur Vincents Einstellung zu den gesellschaftlichen Verhältnissen, sondern auch sein Verhalten, seine Kontakte bis hin zu seinem äußeren Erscheinungsbild. Das macht ihn zum Außenseiter in einer verrückten Welt, die ihre Wirklichkeitsverleugnung gegen ihn durchsetzt, und Vincent zum Verrückten für seine bürgerlichen Zeitgenossen und auch für die Nachwelt macht.
Im August 1879 erfährt Vincent von seiner Entlassung und wird von Theo besucht, der ihn offensichtlich beeinflussen und dort wegholen soll. Er weigert sich und schreibt einen bösen Brief, den Theo nicht beantwortet:
„Deine Ratschläge buchstabengetreu zu befolgen und zum Schriftsetzer für Überschriften auf Rechnungen oder Visitenkarten zu werden, oder zum Buchhalter oder Zimmermannslehrling oder, immer noch Deinem Ratschlag folgend, zum Bäcker…“.
Vincent bleibt im Borinage, und Pa unterstützt ihn finanziell mit 50 Francs monatlich. So heißt es, aber tatsächlich ist es Theos Geld, denn schon zu Lebzeiten des Vaters trägt er verantwortungsvoll die Krone der Familie und unterstützt sie finanziell. Nur soll Vincent nicht wissen, woher das Geld kommt.
Nach neun Monaten gibt Vincent seine schroffe Ablehnung auf und bedankt sich widerwillig für die finanzielle Unterstützung.

Aber er hat fast zwei Jahre unter den Bergarbeitern gelebt und mit ihnen gelitten.

Vincent hat durch das Erleben von Ausbeutung und Menschenverachtung mit der bürgerlichen Gesellschaft seiner Zeit gebrochen und ist ihr radikaler Kritiker geworden. Er sagt sich von ihr los, legt nicht nur ihre Kleider ab, sondern auch irgendeinen von ihr akzeptierten Beruf. Damit löst er sich auch von der Familie, in die er sich nicht mehr integrieren kann.
Am Ende ist Vincent nicht nur die Heuchelei der besseren Gesellschaft bewusst, sondern der Glaube seines Vaters ist ihm abhanden gekommen. Er hat hautnah erlebt, wie die Pastorenwelt sich weigert, für Menschenwürde und menschliche Lebensbedingungen einzutreten, und ihn, der sich christlich engagiert, stattdessen bekämpft.
Er kehrt nach Etten zurück und schreibt Theo:
„Wir beginnen nur, uns eine Vorstellung von Gott zu machen, wenn wir die Schlussfolgerung wiederholen, die Multatuli aus seinem Gebet des Unwissenden gezogen hat: ‚Oh! Mein Gott, es gibt keinen Gott.‘ Nimm den Gott der Pastoren, ich finde ihn ziemlich tot. Bin ich deswegen ein Atheist?“
Multatuli ist das Pseudonym von Eduard Douwes Dekker (1820-1887), einem viel gelesenen niederländischen Schriftsteller, und bedeutet ungefähr: „ich habe vieles ertragen“. Später (in Arles) wird er dazu sagen: „Ich habe das Spiel des zeitgenössischen Christentums zu genau gesehen. Es hat mich fasziniert, ich verdanke ihm eine eisige Jugend.“
Theo hält die Stellung als Kronprinz und macht das Bindeglied zum Vater. Er versucht zu vermitteln, was nicht mehr zusammengeht. Vincents Konflikt mit dem Vater verschärft sich unausweichlich. Vincent hat sich unter jämmerlichen Bedingungen durchgeschlagen und fühlt sich stark genug.
Andererseits bricht Theo nicht mit Vincent, schlägt sich nicht einfach auf die väterliche Seite. Im Gegenteil unterstützt er ihn materiell.