
Wolf Reuter
Berühre die Steine im Fluss
Roman
ISBN
978-3-943446-84-5
270 Seiten
20,00 € D/A/CH
Wolf Reuter, Jahrgang 1943, studierte in Stuttgart und Berkeley. Nach Reisen um die Welt, Aufenthalten in Heidelberg und Berlin, arbeitete er als Wissenschaftler, Künstler und Architekt. Er lehrte an Universitäten in Deutschland und China. Nach „Wilhelms langer Schatten“ und „China Balance“ ist dies sein dritter Roman in der Edition Contra-Bass. Ferner haben wir Erzählungen von Wolf Reuter veröffentlicht:
„Der Blick der Wenqian Chi“ .
Inhaltsangabe
In den so verschiedenen geographischen und kulturellen Sphären Chinas und Deutschlands wachsen parallel die beiden Protagonisten auf.
Huang, der Sohn eines armen Reisbauern, durchlebt den großen Sprung und die Kulturrevolution mit ihren Wirren und Grausamkeiten, jubelt Mao in Peking zu.
Miriam, aus Münchner gutbürgerlichem Hause, durchläuft Schule, Tanz-stunde, erste Lieben, studiert, engagiert sich den Maoisten nahe stehend und lernt Chinesisch – mit dem Ziel, das Land ihrer Visionen zu besuchen.
Im Rahmen eines Kulturabkommens geht sie als Dozentin an eine Universität in Shanghai. Im Kollegium der Universität lernt sie Huang kennen.
Es ist die Zeit Deng Xiaopings, der Reform und Öffnung verspricht.
Huang und Miriam verlieben sich, heiraten trotz politischen Widerstands, bekommen einen Sohn. Miriam lebt eingebunden in die chinesische Großfamilie mit ihrer wechselseitigen Hilfe und geht ihrem Beruf als Dozentin nach. Komplikationen treten auf, wenn östliches und westliches Verhalten und Denken aufeinanderprallen. Nach einer ihrer Vorlesungen geraten auch die politischen Systeme in einen konfrontativen Vergleich.
In Tibet (während einer Reise) verstößt Miriam gegen Rede- und Handlungs-verbote. Sie wird verhaftet und wird ausgewiesen …
Leseprobe
Niemand ist uns näher als der Große Vorsitzende Mao
Der Lehm war von den nackten Füßen der Frauen, Männer und Kinder so festgetreten, dass er glänzte wie die Böden aus gebranntem Ton in den Palästen des Kaisers. Vor dem Herd trug ein schwärzlicher Schimmer die Spuren der Arbeit von Generationen von Müttern, die dort hin und her gelaufen waren, wenn sie die Gemüse schnitten und in das heiße Öl des Wok warfen. Ab und an schlug dann die Flamme über den Rand und warf für einen festlichen Moment flackernden Widerschein auf Wände und Decke.
Tagsüber fiel durch ein Fenster und die fast immer offene Tür Licht in den Raum. In seiner Mitte, gegenüber der Küchen-zeile, stand als einziges Möbel der Tisch mit einer Holzplatte, die von Alter und Gebrauch würdige Schönheit angenommen hatte. Wenn alle zu Hause waren, meist erst abends, konnten dicht gedrängt zehn zusammensitzen. Die beiden Schlafräume, einer für die Eltern und das kleinste Kind, der andere für den Rest, gingen seitlich ab. Als Huang noch klein war, vor ein paar Jahren, war der Tisch mit der Platte zuunterst an der Rückwand gelagert und zwischen den zur Decke gestreckten Beinen eine Matratze geklemmt worden. Der Älteste hatte in der Wohnküche geschlafen. Die gesamte Familie – so war die Regel – aß mit den anderen vom Dorf in der Kantine der Kommune.
Es war noch dunkel, als Huang sich leise aus seinem Nachtlager stahl und im Mondlicht über den gestampften Hof und auf dem Pfad durch das Schilf tastete. Er hockte sich auf die zwei Steinbalken über dem stinkigen Loch, in das die Familie ihre Notdurft verrichtete, und dachte an die Wasserspülung der Toilette des Rektors seiner Schule, die er vor einigen Wochen hatte putzen müssen.
Auf dem Rückweg hielt er den Kopf über die Regentonne, wusch kurz das Gesicht, trocknete es am Nachthemd und schlich, in der Kühle der Nacht fröstelnd, zurück in die Küche.
Er nahm sich aus dem großen Reistopf, den seine Mutter am Abend in eine verschlissene Decke gewickelt hatte, um ihn bis zum Morgen warm zu halten, genau die Menge, die ihm zustand, mit der Kelle als Maß; er streute so viel Pickles, wie er mit drei Fingern aus dem danebenstehenden Tonkrug er-gattern konnte, über den Reis und schaufelte seine Schale bis auf das letzte Korn leer. Er wusch sie ab, legte seine Stäbchen in sein Fach und schulterte den Ranzen.
Vor der Türschwelle, die wegen der starken Regenfälle einen Fuß hoch war, standen vom Dachüberstand geschützt die Schuhpaare in der vom Vater nach dem Alter ihrer Träger ver-ordneten Reihenfolge. Huang gehörte das fünfte Paar, lederne Halbschuhe, die zwar rau geschlissen und ausgetreten, aber besser als die Strohsandalen seiner jüngeren Schwestern und Brüder und die halbhohen Gummistiefel der älteren waren. Es zeigte seinen besonderen Stand in der Familie. Er war zwar das fünfte Kind und der dritte Sohn, aber der Einzige, der in eine jenseits des Flusses gelegene Schule gehen durfte. Die anderen mussten dem Vater auf den Reisfeldern helfen, oder sie waren zu klein.
Die Sonne lag noch unter den Reisfeldern und nur der blasser werdende Himmel ließ den kommenden Tag ahnen. Er zog die Schuhe an, vermied sorgfältig, in einen der über Nacht auf dem Vorplatz verteilten Flecken grünweißen Hühnerkots zu treten, schwang sich auf sein Fahrrad und radelte zum nahen Fluss. Erst auf dem Schotterweg entlang des Ufers wurde er vollends wach, weil er seine äußerste Aufmerksamkeit brauchte, um in den Fahrrillen der Ochsenkarren und zwischen den Löchern den besten Weg zu finden. Der Wind wehte wie immer morgens seewärts, ihm entgegen, den Fluss hinab, und er musste, als er stärker wurde, in die Pedale steigen, um rechtzeitig an der Fähre zu sein.
Auf dem Platz vor der Anlegestelle mit den mächtigen schwar-zen Pfählen wartete dicht gedrängt eine Traube von Männern und Frauen, die gegenüber in den Fabriken von Puxi arbeiteten. Sie kamen wie er aus den Bauernfamilien auf der Pudong-Seite und mussten verdienen, weil die Reisfelder für die großen Familien und Kommunen nicht genug hergaben.
Huang drängelte sich durch die Menge, um, sobald die Passa-giere von der anderen Seite die Fähre verlassen hatten und der Matrose die Sperrkette auf den Boden rasseln ließ, einen Platz am Rand der Stahlplattform zu ergattern. Er liebte das gurgelnde Geräusch und die ockerfarbenen Strudel, die auf-brodelten, wenn die Schiffswand sich vom Ufer löste und der Motor aufdrehte, sodass die Schlaggeräusche des Diesels alle Gespräche überdröhnten und der schwarze Qualm die Men-schen zwang, den Atem anzuhalten. Als die Fähre dann den Bug in den Wind gedreht hatte, blickte er flussabwärts in die Ferne, dorthin, wo der Huangpu nach ein paar Windungen in den großen Jangtse mündete und mit seinen Wassern ver-mischt sich ins Gelbe Meer ergießen würde. Dort musste eine Welt beginnen, von der er keine Vorstellung hatte, außer, dass sie dort war, wo das Wasser hinfloss, und wenn sich dann die Sonne erhob und ein Versprechen auf all die wunderbaren Ereignisse der kommenden Stunden gab, dann dehnte sich die Zeit ins Ungewisse seiner eigenen Zukunft.
Huang war elf Jahre alt. Alles, was ihm zu einem fernen Morgen in den Sinn kam, hatte mit der Familie, dem Haus, dem Dorf, den Feldern und den Wasserbüffeln zu tun. Es war der Teil, den er an die Szenerien anhängen konnte, die er täglich vor Augen hatte. Der andere, der zwar ohne genaue Bilder auskam, waren die Worte, die in den Treffen der Jungen und Mädchen in der Kommune geredet wurden. Da war er nicht allein, da gehörte er zu einer verschworenen Gemeinschaft, da sangen sie die Lieder, an denen er sich begeistern konnte, da lauschten sie den Worten, die der Leiter der Kommune, der schon ein strenger und hoher Meister war, von dem noch höheren, dem allwissenden Großen Vorsitzenden Mao berichtete. Der war zwar weit entfernt, aber je öfter sie gemeinsam aufsagten, was ihnen der Leiter vorgesprochen hatte, einen desto größeren Platz nahm Mao ein.
„Vater ist uns nah.
Mutter ist uns nah.
Aber niemand ist uns näher als der Große Vorsitzende Mao.“
Er, Huang, der arme kleine Huang, würde mit den anderen aus der Dorfkommune zu denen gehören, die ihr Land am Huangpu, am Yangtse, und das ganze Land China, von dem er noch keine rechte Vorstellung hatte, in eine wunderbare Zukunft bringen würden. Mit ihrer Arbeit. Dafür lohnte es sich, in der Schule fleißig zu sein. Wenn er daran dachte, wie er dazu beitragen würde, dann erfüllte sein Herz eine Begeisterung, die immer neu anschwoll, wie ein Stau in seinem Herzen stand und sich jeden Tag Bahn brach.
Nach der Schule würde er vielleicht doppelt so viel Reis bei-tragen, er würde, wenn die Leitung der Kommune zustimmte, ein neues Haus bauen und den Ochsenkarren durch einen Pritschenwagen mit Motor ersetzen. Aber wenn er schon auf die Schule ging, könnte er vielleicht in der Verwaltung arbeiten, oder als Lehrer für die Kinder vom Dorf, oder in einem der großen Häuser, das die Briten am Bund gebaut hatten, an denen er täglich vorbeiradelte. Dann wären seine blaue Hose und Jacke nicht so verwaschen und verschlissen, sondern aus feinem Tuch. Darüber hinaus konnte er sich nichts vorstellen. Es gab keine Erzählungen, keine anderen Bilder, an denen sich seine Träume hätten entzünden können. Das war die Stelle seines Gedankenflusses, an der er sich eingestand, trotz aller Sehnsucht sich nicht ausmalen zu können, wie er jemals in eine derart fein gewebte Jacke und so blanke Schuhe käme. Da war nichts als eine Neugier auf eine Zukunft, die ihm entglitt, vage, ohne Orte und Menschen, ohne ihn und sein eigenes Tun. Aber er war jung und erfüllt von Lust auf sein Leben und einer Hoffnung, die ihm die Brust weitete.
Das Horn der Fähre riss ihn aus seinen Gedanken. Der Ton war so laut, dass die Luft zitterte. Er schwebte noch eine Weile über den Wellen, gebrochen dann von der Antwort des Frachters, dem die Warnung gegolten hatte. Beide Schiffe brachten ihre trägen Leiber mit einer minimalen Drehung auf sicheren Kurs. Der Frachtkahn glitt flussaufwärts langsam und so nahe vor dem Bug der Fähre vorbei, dass Huang die ölige Schmiere im Gesicht des Maschinisten sehen konnte, der die beiden Motoren gerade auf Hochleistung gebracht hatte. Wie Schwerstarbeiter stießen sie ihren keuchenden Atem aus, schwarze Qualmwolken, die der Wind über die Plattform der Fähre trieb und Huangs Augen reizte. Der Frachter lag tief im Wasser. Die Wellen schwappten über den seitlichen Gang bis knapp unter die Kante der Ladeabteile, in denen sich Kohle-berge wölbten. Der Maschinist grüßte mit erhobenem Arm, der Fährenkapitän erwiderte mit einem kurzen Hornstoß.
