→ Immer wieder aufbrechen

Astrid Schmeda
Immer wieder aufbrechen
Roman

ISBN 978-3-943446-82-1
Preis: € 22,- D/A/CH
402 Seiten

Inhaltsbeschreibung:
Agnes hat Ramòn beim Tangotanzen kennen gelernt. Aus dem äußersten Norden Deutschlands stammend, zieht sie zu dem Südländer in die Wohngemeinschaft. Ramòn ist mit 22 Jahren mit seiner Familie aus Argentinien nach Hamburg geflohen. Mit der WG durchleben sie die politisch aufgewühlten 70er Jahre auf Demonstrationen gegen Raketenstationierung, Atomkraft und Springer-Hetze.
2021 fahren Agnes und Ramòn von Spanien nach Frankreich in die Cevennen-Berge, um ein Haus zu suchen und ihrem Sohn Dario näher zu sein, der in einer Zirkus-Gemeinschaft lebt. Das Wohnprojekt im Wendland, die Jahre in den Alpilles in Südfrankreich, wo sie Tango- und Tanztherapie-Kurse gaben und die beiden Kinder Luna und Dario heranwuchsen, liegen hinter ihnen, auch das Haus in Katalonien, das sie sehr liebten, möchten sie jetzt verlassen, um wieder einen neuen Schritt zu wagen. Beide haben sich beruflich verändert, Ramòn unterrichtet Tai-Chi, Agnes stellt Skulpturen aus Ton her. Die Zirkus-Gemeinschaft von Dario, in die sie nun Einblick erhalten, zeigt ihnen das Engagement, die Leichtigkeit und die Ernsthaftigkeit, mit der die jungen Leute ihre Überzeugungen ausdrücken. Doch sie begeben sich mit ihren Themen in Gefahr. Und wieder steht ein Aufbruch bevor.

Leseprobe
1998 – 2000 Entscheidung, nach Frankreich zu ziehen
Agnes, Ramòn und die Kinder verbrachten in den Alpilles in Südfrankreich ihre Sommerferien. Sie hatten eine Ferienwohnung in der Nähe des Städtchens Aumas gemietet. Die Kinder waren von allem begeistert, dem weißen Häuschen mit den rankenden Rosen davor mitten im Olivenhain, den Lavendelbüschen die Auffahrt entlang, dem kleinen Schwimmbecken. Die Wohnung gehörte zu einer biologischen Weindomäne, die von zwei Töchtern und dem Sohn der alten Weinbauern geführt wurde. Die jüngere Frau erklärte den Kindern alles, was sie fragten. Allerdings konnte nur Luna mit ihren 10 Jahren etwas Französisch, und Dario versuchte es mit Spanisch. Die Camargue und das Mittelmeer waren nicht weit, und ebenso Avignon, das von seinem Theaterfestival überquoll.
Agnes und Ramòn verfolgten mit dieser Reise ein geheimes Interesse, über das sie erst mit den Kindern sprechen wollten, wenn sie sich sicher waren.
An einem Abend wollten sie zum Tangotanzen nach Avignon fahren, sie sagten Maria, der jungen Weinbäuerin, Bescheid, und die Kinder willigten ein, allein zu bleiben.
In Avignon wäre das nächste Lycée, sagte Ramòn auf der Hinfahrt. – Aber sie kommt erst aufs Collège, das ist in Saint Rémy, meinte Agnes. – Dario wäre erst noch in der Ecole Primaire in Aumas. – Ja, da könnte er mit dem Fahrrad hinfahren.
Als sie durch die Gassen von Avignon gingen, fasste Agnes seine Hand. – Du bist schon entschieden. – Ja, und du? – Auch. Sie umarmten sich mitten auf dem Gehweg.
Dann traten sie in die Welt des Tangos ein, ließen die Musik in ihre Poren, tanzten, schauten zu, redeten mit den Leuten. Ramòn sprach mit dem Leiter des Tangoschuppens. Um elf verabschiedeten sie sich. Agnes zog vor der Tür die Pumps aus und schlüpfte in ihre Sandalen. – Komm, wir trinken noch ein Glas!
Sie hatten beim Tanzen nur Wasser getrunken und setzten sich vor eine kleine Bar nach draußen, es war noch viel Betrieb.
– Avignon wäre die nächste Großstadt für uns, stellte Agnes fest. Ich mag es hier sehr. Es gibt verschiedene Viertel: touristische, schicke, aber auch vollkommen einheimische mit kleinen Läden und ärmlichen Leuten, und überall die großartige Architektur, die vielen versteckten Plätze und Höfe…– und eine Tangoszene! ergänzte Ramòn.
– Aber wir würden das gemeinschaftliche Leben aufgeben, sagte sie schließlich und sah ihn gespannt an. – Ich empfinde nicht mehr viel Gemeinschaft bei uns, antwortete Ramòn. Ich habe eher den Eindruck, dass ich das, was wir anfangs vorhatten, die Freiheit, ein völlig neues Leben gemeinsam aufzubauen, verloren habe. Ich fühle mich eingeschränkt, kritisiert, misstrauisch beäugt. – Aber es ist nur eine Person, die das ausgelöst hat, meinte Agnes. Wie war das möglich?
– Wir können Gunnar ja nicht rausboxen, meinte Ramòn nach einer Weile, Hella hängt mit ihm zusammen, und Vera und Ludger würden sich nie auf solch einen Konflikt einlassen.
Agnes atmete das Leben um sie herum ein. Viele Menschen zogen an ihnen vorbei, einige waren wie für einen Ball gekleidet, andere in verrückten Kostümen, und dazwischen sehr abgerissene Gestalten. Avignon wäre eine Stunde von ihnen entfernt, aber sie könnten hier das Theaterfestival besuchen, ins Kino gehen… Und hätten gleichzeitig die Ruhe der Alpilles.
Sie fuhren zurück.
Agnes würde von Rita, die die Gärtnerei geerbt hatte, eine monatliche Summe erhalten, wovon sie den Kredit bedienen könnten. Die alte Yogalehrerin, die Besitzerin des Zentrums, das sie sich angesehen hatten, wollte in etwa eineinhalb Jahren ihre Arbeit aufgeben und nach Marseille ziehen.
– Wir sollten einen Vertrag mit Tamana machen, sagte Ramòn, als sie aus dem Auto stiegen, damit sie es sich nicht mehr anders überlegt.
– Aber erst müssen wir mit den Kindern reden.
Die beiden schliefen oder taten jedenfalls so. Agnes gab ihnen einen Kuss. Sie lagen eng beieinander in einem großen Bett.
Beim Frühstück fragte Ramòn: – Könntet ihr euch vorstellen, in Frankreich zu leben? – Frankreich? Also hier? Sofort! rief Dario. Kaufen wir dieses Haus?
Luna sah sie groß an. – Ihr wollt die alte Schule kaufen von der Yogalehrerin? Das hab ich mir gedacht. – Und wie fändest du das? – Ganz hierher? Und meine Freundinnen? – Es wäre ja erst in eineinhalb Jahren, dann hast du schon die Schule gewechselt.
Luna lehnte sich entspannt zurück. – Na gut, wenn es noch so lange hin ist, müssen wir nicht darüber reden. – Doch! rief Dario. Wie alt bin ich dann? Neuneinhalb. Also fast mit der Grundschule fertig. Gibt es in Frankreich auch eine Gesamtschule?
Am Abend auf ihrem letzten Spaziergang fragte Luna: – Und warum wollt ihr von unserer WG weg? Habt ihr zu viel Streit? Sie nahm Ramòns Hand. – Ja, das spielt eine Rolle. Wir sind sehr verschieden. Aber mir geht es auch so, dass ich gern am Mittelmeer leben möchte. Das erinnert mich an Argentinien: das warme Klima, die Freundlichkeit der Menschen, die Gerüche… – Freundlich sind sie alle, das stimmt! rief Dario. Vor allem Marie. Er küsste in die Luft. Ich könnte sie knutschen! – Hör auf, Dario! schimpfte Luna. Und könnten wir nicht mit Frauke, Vera und Ludger hierherziehen?
– Darüber wollen wir mit ihnen reden. Aber ich mache mir wenig Hoffnung, sagte Agnes. – Vera hat ihre vielen Klienten, meinte Dario, die kann sie ja nicht verlassen, dann bringen sie sich noch um!
Agnes und Ramòn lachten. – Dass du immer den Clown machen musst! schimpfte Luna.
Es fiel ihnen diesmal sehr schwer, wieder nach Norddeutschland zurückzufahren. Agnes wäre am liebsten gleich geblieben.
– Wir wollen erstmal mit unseren Mitbewohnern reden, sagte Ramòn auf der Rückfahrt zu den Kindern. Vielleicht könnt ihr so lange noch nichts von unseren Plänen erzählen.
Sie hatten Vera und Ludger gegenüber schon öfter erwähnt, dass sie gern ans Mittelmeer ziehen würden. Aber es waren nur vage Träume gewesen. Auch Ludger war begeistert von Südfrankreich und hatte mehrfach geäußert, dass er sich vorstellen könnte, dort zu leben.
Agnes und Ramòn waren froh, dass Hella und Gunnar noch im Urlaub waren. Zum Empfang hatten Vera und Ludger ein Essen vorbereitet. Die regelmäßigen gemeinsamen Mahlzeiten hatten sich seit langem aufgelöst. Hella und Gunnar waren, da sie keine Kinder hatten, spontaner und unregelmäßiger in ihren Mahlzeiten. Die anderen Vier hatten ausgemacht, dass mittags immer einer von ihnen etwas für die drei Kinder kochte und somit auch für sie da war.
Frauke war im September des ersten Jahres in der WG, 1985, geboren, drei Jahre älter als Luna. Beide waren gute Freundinnen und vielleicht sogar wie Schwestern miteinander. Die Kinder erzählten während des Essens von ihren Erlebnissen in den Alpilles. Als sie sich in ihre Zimmer zurückzogen, machte Ludger noch einen Wein auf. Ramòn begann, von der alten Schule zu erzählen, in der eine deutsche Yogalehrerin Kurse gab. Er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da sagte Ludger:
– Und da wollt ihr jetzt hinziehen.
– Das Haus hätte alles, was wir brauchen, sagte Ramòn. Und auch die Lage entspricht unseren Träumen.
Eine Stille entstand.
– Wollt ihr nicht mitkommen? fragte Agnes, und sie erinnerte sich daran, wie Vera und Ludger ihnen vor zwölf Jahren diese Frage gestellt hatten.
– Ich spreche kein Französisch, sagte Ludger, und vielleicht bin ich hier auch sehr verwachsen. – Aber du hast oft davon geschwärmt, in den Süden ziehen zu wollen. – Ja, geschwärmt! seufzte Ludger.
– Ich wüsste nicht, wie ich dort mein Leben verdienen sollte, erklärte Vera. Ich kann etwas Französisch, aber für die Therapien würde es nicht reichen. – Ich spreche auch nicht so gut, wandte Agnes ein. Aber ich denke, wenn man da lebt, lernt man es schnell. Außerdem, unsere Teilnehmer werden hauptsächlich Deutsche bleiben. – Ihr macht Tanz und Tango, entgegnete Vera, das ist nicht so sehr von der Sprache abhängig wie meine Einzeltherapien.– Ich als Künstler, sagte Ludger, kann überall arbeiten. Natürlich würde mich der Süden reizen. Aber hier habe ich ein gewisses Umfeld von Menschen, die mal was kaufen. Das Taxifahren ist jedoch unser Grundeinkommen, das kann ich in Frankreich vergessen.
– Wir werden auch ganz neu anfangen, sagte Ramòn. Es ist nicht gesagt, dass unsere Klientel nach Frankreich reist. Vielleicht müssen wir in den Ferien der Kinder wieder hochkommen und hier Kurse geben. Für mich ausschlaggebend ist mein Wunsch, dort zu leben.
– Wir haben noch Zeit, meinte Agnes, wir denken erst in eineinhalb oder zwei Jahren umzuziehen. Vielleich ändert sich bis dahin auch bei euch was.
Insgeheim wusste sie, dass es nicht so wäre. – Hat es auch mit den Unstimmigkeiten mit Gunnar und Hella zu tun? fragte Ludger. – Es ist richtig, dass ich mich durch ihre Kritik an unserer Arbeit hier nicht mehr frei fühle, stimmte Ramòn zu. – Aber der meint das gar nicht so! widersprach Vera. Der hat doch immer was zu meckern!
– Nein, Vera, so ist es nicht, entgegnete Agnes. Du arbeitest nicht hier im Haus. Wir haben das von Anfang an so geplant, vielleicht war das falsch. Aber Gunnar hat es gewusst. Wir achten sehr darauf, dass unsere Teilnehmer sich nur auf der einen Seite des Gartens aufhalten. Aber er macht immer seine Bemerkungen. – Wir haben den Saal vor zwei Jahren komplett isoliert, warf Ramòn erregt ein. Stört euch die Musik? – Ich hör das gar nicht, sagte Ludger. – Siehst du, da ist der entscheidende Unterschied. Wir respektieren gegenseitig, was die anderen arbeiten.
– Ich finde es sogar immer wieder belebend, wenn hier so viel los ist und eure Teilnehmer vorm Saal stehen und sich unterhalten und dabei die Musik herüberweht, sagte Vera. – Es ist eine Frage der grundsätzlichen Akzeptanz, nicht, ob man die Musik hört oder fremde Menschen einem im Garten begegnen, meinte Ramòn.
Als sie im Frühjahr wieder in die Alpilles reisten, besuchten sie als Erstes die Yogalehrerin Tamana. Sie wirkte etwas hinfällig.
– Es ist Zeit, dass ich zu meiner Schwester nach Marseille ziehe, sagte sie. Aber diese Saison mache ich noch. Ende des Jahres könnt ihr das Haus übernehmen.
Agnes bat sie darum, sich noch einmal alles ansehen zu können.
Luna nahm Ramòns Hand. – Und wie wollt ihr es hier machen?
Der lange Saal mit den hohen Fenstern war schon vor Tamana angebaut worden.
– So ein schöner Saal! rief Luna aus. – Hier feiern wir Feste! erklärte Dario.
Das Haupthaus hatte unten vier recht große ehemalige Klassen-zimmer. Tamana hatte in jedem vier Betten stehen.
Das geht für uns nicht, meinte Agnes leise zu Ramòn. Die Tangopaare wollen allein schlafen. – Aber es kommen auch Einzelne, entgegnete Ramòn. – Wir könnten die beiden größten teilen, überlegte Agnes, dann haben wir vier Paarzimmer und zwei Vierer. – Sechzehn! rief Dario. Wollt ihr so viele Teilnehmer haben? – Ja, lächelte Ramòn, so viele haben wir im Wendland auch. – Aber es sind nur zwei große Badezimmer da und vier Klos! berichtete Luna, die alle Türen
geöffnet hatte. – Das können wir erstmal nicht ändern, meinte Ramòn.
Die Wohnung, in der Tamana lebte, lag hinter den Klassenzimmern und war zweistöckig. Unten ein geräumiges Wohnzimmer, oben zwei Zimmer und eine Wohnküche. Die Räume waren renovierungs-bedürftig, die Wände abgenutzt, an den Fensterrahmen blätterte die Farbe ab. – Es müsste alles neu gemacht werden, sagte Tamana, die ihnen einen Tee anbot, aber dazu habe ich nicht mehr die Kraft.
– Hast du hier immer allein gewohnt? fragte Dario. – Nein, wir haben das Yoga- und Fastenzentrum zu zweit geführt, meine Freundin Veresha und ich. – Woher sind eure Namen? fragte Dario. – Wir waren in Indien, das ist lange her, im Ashram, wir sind Sannyasin gewesen. Dort wurde einem ein neuer Name verliehen.
– Und wie ist euer Kontakt zum Dorf? fragte Ramòn. – Wir liegen hier etwas abseits, die bekommen nicht viel mit von uns, und Touristen sind immer willkommen, die beleben das Geschäft. Meine Freundin und ich galten wohl als Hippie-Pärchen, bunte Vögel, die man nicht ernst nahm, aber da wir regelmäßig in der Bar saßen, auch mal was aßen und im Laden kauften, haben sie uns hingenommen. Veresha konnte gut Französisch, ich weniger. Sie ist vor fünf Jahren gestorben. Erst dachte ich, allein kann ich das nicht weitermachen, aber ich wollte mich nicht von dem Ort trennen, an dem ich mit ihr glücklich war.
– Wir werden mit deinem Ort gut umgehen, versprach Luna, es ist wunderschön hier! – Dann freue ich mich, dass ihr mein Haus neu beleben wollt! sagte Tamana.
Sie verabredeten die Kaufformalitäten für den Herbst.
– Wenn wir zum Jahresende umziehen, meinte Ramòn am Abend, haben wir bis zum Frühjahr Zeit, alles zu renovieren, meinst du, das schaffen wir? – Vielleicht können deine Brüder mal kommen, um uns zu helfen.
Sie fanden einen pensionierten Französisch-Lehrer im Wendland, der einmal die Woche kam und mit den Kindern Französisch sprach. Frauke war auch dabei. Sie machten Spiele, lernten Lieder, lasen Asterix und Obelix.
– Ich glaube, sagte Agnes eines Abends, für sie ist das Ganze ein Spiel. Sie realisieren nicht, dass wir wirklich wegziehen werden.
– Es ist ein Prozess, meinte Ramòn, in den sie langsam hineinwachsen