→ Penelopes Widerstand

Astrid Schmeda
Penelopes Widerstand
Roman

ISBN 978-3-943446-73-9
Preis: € 20,-
402 Seiten

Erscheinungsdatum: 13.7.2024

Text
Penelope ist mit ihren Eltern vor den Nazis von Köln nach Paris geflohen. Doch die Deutschen besetzen 1940 den Norden Frankreichs. Im Sommer 1942 entschließt Penelope sich, zwanzig Jahre alt, in die Résistance gegen die deutsche Besatzungsarmee zu gehen.
Auf ihrer Suche nach Widerstandsgruppen begegnet sie Janou, der auf einer Hochebene in den Cevennen die Schäferei seines Großvaters betreibt. Er macht sie bekannt mit BewohnerInnen seines Dorfes, die sich für den Widerstand engagieren. Penelope und Janou lieben einander. Er hat jedoch mit seinem Blutsbruder Abel einen Pakt geschlossen. Als Abel schwer verwundet in die Schäferei kommt, verschwindet Janou.
Penelope bleibt allein mit der Pflege des Verwundeten, den Schafen, dem Gemüseanbau. Mit dem genesenden Abel entsteht eine neue Liebe. Gemeinsam mit den FreundInnen im Dorf organisieren sie immer gewagtere Aktionen gegen die Besatzung.
Auf einer zweiten Zeitebene wird Angelinas Reise 2019 nach Südfrankreich erzählt. Sie ist 75 Jahre alt, als sie sich auf die Suche nach ihrer Kindheit macht, an die sie nur wenige Erinnerungen hat. Nach und nach erkennt sie, wovor sie ihr halbes Leben lang davongelaufen ist.

Leseprobe
1942
Um halb sechs war es schon fast hell, die Felder dampften. Janou wartete vor der Tür und horchte, bevor er morgens hinaustrat. Das Konzert der Vögel. Kein Laut sonst. Mit weichen Schritten ging er unter den Nussbäumen entlang, die Wiese fiel leicht ab. Obwohl er kein Geräusch verursacht hatte, schüttelten sich die Hunde. Vom Schafstall kam ihm ein scharfer, warmer Geruch entgegen. Aristote und Socrate, zwei große, wollige Hütehunde, wedelten um ihn herum. Sie hielten Wache im Gang vor dem Gatter der Schafe, die alle schläfrig im Stroh lagen.
Irgendetwas irritierte Janou, nicht das Mäh Mäh der Jungtiere, das jetzt einsetzte. Die Tür zum Heuschober war nicht ganz geschlossen. Er öffnete sie. Auf der oberen Etage, zu der eine schmale Leiter führte, sahen ihm zwei nackte Füße entgegen. Janou hielt den Atem an. Es waren keine Männerfüße, es war ein Kind oder eine Frau.
Janou war 24 Jahre alt, er lebte seit Beginn des Krieges in der Bergerie des Noisettes seines Großvaters. Als der Krieg ausbrach, war dieser zu Janous Eltern in die Stadt gezogen, er war zu alt, um allein weiterzumachen. Er hatte Janou alles gezeigt und erklärt, was er wissen musste. Der hatte nicht vorgehabt, Schäfer zu werden, aber er liebte die Tiere und fühlte sich wohl allein. Er war in den drei Jahren kräftig geworden, trug einen kurzen Bart, die braunen, etwas krausen Haare durften ihm bis über die Ohren wachsen, er war frei.
Es war nicht das erste Mal, dass sich jemand bei ihm versteckte. Vorher schon, auch bei seinen Eltern, waren Flüchtlinge aus Deutschland aufgetaucht. Sein Vater brachte sie für einige Zeit im Schuppen unter, bevor er sie weitergab. Janou war in der liberalen Atmosphäre eines protestantischen Pfarrhauses aufgewachsen, seine Mutter arbeitete als Krankenschwester.

Was sollte er tun? Er wollte die Person nicht erschrecken, also begann er mit seiner Arbeit. Er füllte Getreide in die Futterrinne des Melkstandes, stieß die Schafe an, dass sie sich in Bewegung setzten, die Hunde halfen ihm dabei. Plötzlich fing Aristote an zu bellen, vor der Tür des Heuschobers stehend wedelte er gleichzeitig mit dem Schwanz.
Wieso hatten die Hunde nicht gebellt, als die Person angekommen war? dachte Janou. Das hätte er gehört. Er richtete sich auf, stopfte sein Hemd in die Hose.
Ein flachsblonder Kopf erschien. Sei still! rief eine Frauenstimme. Wir haben doch gestern Nacht schon Frieden geschlossen!
Es war ein junges Mädchen, sie schälte sich aus dem Heu, klopfte sich ab, sah zu Janou und sprang hinunter, statt die Leiter zu nehmen.
Ich heiße Penelope, sagte sie. Ich hoffe, es stört Sie nicht, dass ich Ihr Heu als Schlafplatz benutzt habe. Ich bin auf dem Weg zur Résistance und dachte, ein Schafhirt wird kein Pétain-Anhänger sein. Habe ich Recht?
Auf den Causses gibt es keine Pétain-Anhänger, antwortete Janou. Wir sind seit Jahrhunderten freie Menschen und dulden keine Unterdrückung.
Dann setzte er hinzu: Du sprichst gut Französisch, aber du bist Deutsche?
Woran haben Sie das gemerkt?
An dem Akzent. Was hast du gemacht, dass die Hunde nicht gebellt haben?
Ich bin schon länger unterwegs, wenn man vor Hunden Angst hat, kann man nirgends unterkommen.
Janou wandte sich wieder den Schafen zu. Kannst du melken? fragte er sie.
Nein, aber ich kann es lernen.
Sie setzte sich neben ihn auf einen Schemel und sah ihm zu.
Ich zeige dir nachher den Weg zum Haus, erklärte er. Ich möchte nicht, dass du draußen ohne Deckung herumläufst. Es wirkt hier zwar sehr einsam, aber Vichy hat überall Spitzel. Auch im Süden.
Das Haus hab ich gestern Nacht nicht gefunden.
Janou grinste. Das hab ich so gebaut.
Er widmete sich ganz seiner Arbeit und schwieg. Nach einer Weile nahm Penelope sich einen Eimer und setzte sich hinter ein Schaf. Janou fasste ihre Hände und führte sie an die Zitzen. Dabei vernahm er den Geruch ihres Haars nach Heu und Sommerhitze. Als er losließ und sie es allein versuchte, kam keine Milch mehr.
Du musst nicht befürchten, ihnen weh zu tun. Sie sind froh, wenn sie die Milch loswerden.
Janou schüttete die Milch aus den Eimern in einen Bottich, den er am Ende auf eine Sackkarre lud. Sie gingen unter den Nussbäumen hinauf. Das Haus lag unterhalb der Straße, mit einem langen, schrä-gen Grasdach, von Bäumen und Büschen umstanden. Penelope drehte sich um. Auch der Stall schmiegte sich in eine Mulde und war durch das Grasdach kaum von der Landschaft zu unterscheiden. Janou folgte ihrem Blick.
Früher haben die Bauern ihre Häuser auf den Causses so gebaut, dass sie vom Wind geschützt sind. Ich brauchte nur die Grasdächer anzulegen, um die Bergerie in ein Versteck zu verwandeln.
Er öffnete eine niedrige Tür neben dem Haus, die in eine Felskammer führte, und stellte den Milchbottich dort ab.
Ist das deine Vorratskammer? fragte Penelope.
Janou nickte. Hier habe ich immer die gleiche Temperatur, etwa zehn Grad. Am Spätnachmittag nach dem zweiten Melken kommt ein Nachbar vorbei und holt die Milch ab. Ich mache selbst keinen Käse, das ist mir zu viel.
Nachbar ist gut, Penelope drehte sich in alle Richtungen.
Die Hochebene des Causse war nicht ganz flach, aber man konnte weit schauen, es war eine einzige Steppe mit Büschen und Baumgruppen hier und dort.
Häuser sehe ich keine, meinte sie.
Es ist bei uns sehr weitläufig, das muss dir doch schon aufgefallen sein. Von wo bist du gestern gekommen?
Von Süden. Sie zeigte nach Osten.
Janou lächelte und führte sie ins Haus. Eine große Wohndiele mit einem monströsen Kamin und alten, geschnitzten Schränken überraschte sie.
Lebst du hier allein?
Janou machte sich daran, auf einem Ofen, in dem ein kleines Feuer brannte, Kaffee zu kochen. Zurzeit ja. Es ist die Bergerie meines Großvaters, er ist zu alt, lebt bei meinen Eltern in der Stadt.
Oh! rief Penelope aus. Du liest Bücher! Sind die von deinem Großvater?
Auch, aber die meisten sind meine. Ich wollte eigentlich Philosophie studieren, vielleicht mach ich das noch, wenn der Krieg zu Ende ist.
Penelope seufzte. Janou schnitt Scheiben von einem dicken, runden Brot, stellte Marmelade auf den Tisch, Holzbretter, zwei Becher.
Als sie sich gegenübersaßen, erklärte er: Ich möchte jetzt wissen, woher du kommst und was du vorhast. Ich gewähre dir in meinem Haus Asyl unter einer Bedingung: Du erzählst mir die Wahrheit.
Wieso sollte ich was erfinden? fragte Penelope erstaunt.
Du könntest eine Spionin sein.
Penelope lachte. Sieht so eine Spionin aus? Sie zupfte an ihrem alten Hemd.
Die verkleiden sich. Also, erzähl. Wo sind deine Eltern? Wie alt bist du überhaupt?
Zwanzig! Penelope grinste ihn an. Das hättest du nicht gedacht? Ich werde bald volljährig! Meine Eltern sind nach Paris zurück. Wir sind aus Nazi-Deutschland geflüchtet neunzehnhundert… sie zählte nach, ich war fünfzehn, 1937, in die Schweiz. Als alle Zeichen auf Krieg standen, wurde es den Eltern zu heiß in der Schweiz und sie dachten, das Land der Freiheit und Gastfreundschaft Frankreich sei den Flüchtlingen gegenüber offener und sicherer, also gingen wir nach Paris. Dann brach der Krieg aus, und wir hätten in Internierungslager gesperrt werden sollen, als seien wir ihre Feinde. Aber mein Vater hatte Papiere besorgt. Sie strahlte ihn an.
Janou lächelte. Zeig her.
Das ist ja das Unglück! Ich habe nur eine Bescheinigung, dass meine Papiere verloren gegangen sind!
Sie fasste in ihr Hemd und holte einen Brustbeutel heraus, legte ein Papier auf den Tisch.
Janou lachte. Das ist drollig! Habt ihr das selbst gemacht?
Nein, das sieht man doch, es ist ein Stempel drauf!
Dupont, das ist ein Allerweltsname.
Stimmt nicht! rief sie. Es ist der Mädchenname meiner Mutter, sie stammt von Hugenotten ab!
Also seid ihr keine Juden. Warum seid ihr dann aus Deutschland geflohen?
Penelope starrte ihn entgeistert an. Weißt du denn nicht, was da los ist? Mein Vater ist Sozialist, außerdem kann er den Mund nicht halten. Als er seine Arbeit verlor, er ist Archivar, haben sie die Koffer gepackt. Wir haben die ganze Zeit schon gesehen, was mit den kritischen Leuten passiert, die bleiben. Meine Mutter war Lehrerin an einer Grundschule, die ist von selbst gegangen, sie haben sie zu sehr schikaniert. Sie hat nicht gewollt, dass die Kleinen den Hitlergruß schreien, wenn sie die Klasse betritt. Ein Vater hat sie verpfiffen.
Das hab ich nicht gewusst, murmelte Janou, ich dachte, sie sperren nur die Juden ein.
Einsperren? rief Penelope. Du bist wirklich naiv! Sie bringen sie um. Alle!
Übertreibst du nicht?
Nein. Ihr habt wohl keine Ahnung hier in Frankreich.
Gut, kann sein. Aber warum bist du nicht mehr bei deinen Eltern in Paris?
Als die Nazis kamen, im Juni 1940, sind alle geflohen, alle hatten Angst, wir auch. Es war ein verrückt gewordenes Flüchtlingsheer auf den Straßen. Aber die Leute merkten, dass es keinen Sinn machte zu fliehen, da wollte mein Vater auch wieder zurück. Ich wollte aber in den Süden, nach Montpellier, um zu studieren. Ich hatte mein Abi gerade in Paris gemacht. Ich wollte dort nicht bleiben, wenn die Deutschen da sind. Wir haben Freunde in Montpellier, zu denen bin ich gegangen. Aber nun, weil die Nazis demnächst auch in den Süden kommen werden, hab ich mich entschlossen, in der Résistance mitzumachen.
Janou schüttelte den Kopf. Lassen wir das mal so stehen. Du kannst hier schlafen.
Er öffnete die Tür zu einer Kammer. Es ist das Zimmer meines Bruders. Er ist zurzeit nicht da. Willst du mir im Garten helfen?

Janou beobachtete Penelope während der Arbeit im Gemüsegarten. Ihre Bewegungen waren ungeschickt. Sie kam aus der Stadt.
Der Garten war ein großes Stück Land, er hatte ihn angelegt mit dem Ziel, autark zu werden. Kartoffeln, Bohnen, Kohl, Fenchel, rote Beete, Kürbis, Kichererbsen… In einem an die Südseite aus alten Fenstern gebautem Gewächshaus wuchsen Tomaten, Auberginen, Gurken. Ein riesiges Kiwi-Gewächs gab Schatten über der Terrasse, ebenso wie die Feige. Es war ein Wunder, dass diese in dem hiesigen Klima gedieh. Es kam auf den richtigen Standort an. Kiwis mochten keinen Wind, Feigen brauchten Wasser.
Du hast es besser als die Menschen in der Stadt, rief sie ihm zu.
Nicht alles ist für mich. Ich habe ein bestimmtes Quantum abzugeben, erklärte er. Hast du schon mal in einem Gemüsegarten gearbeitet?
Meine Mutter hatte ein paar Beete, sagte sie ausweichend. Erklär mir ruhig alles. Ich lerne gern, und schnell! Wo kommt das Wasser her? Es wirkt alles so trocken.
Ist es auch. Das Wasser ist auf den Causses das größte Problem. Aber du kannst sicher sein, überall, wo du einen alten Hof siehst, gibt es eine Quelle, oder gab es. Die Alten wussten, wo sie ihre Farm bauen konnten. Außerdem haben sie Zisternen angelegt, für das Regen-wasser, ich werde sie dir zeigen.
Es wurde immer heißer. Die Schafe, die man von fern sah, hatten sich alle in den Schatten unter eine Baumgruppe gelegt.
Du musst dir was auf den Kopf tun, fiel Janou plötzlich ein. Die Sonne ist hier teuflisch.
Janou trug eine Schirmmütze. Er ging ins Haus und kam mit einem alten Strohhut wieder, setzte ihn ihr auf den Kopf.
Der steht dir!
Sie verzog das Gesicht. Ich wollte in die Résistance, weißt du, jetzt stehe ich hier mit einem Strohhut auf dem Kopf und buddel in der Erde?
Er lachte. Er hatte noch nicht gewagt, sie richtig zu betrachten. Sie war hübsch. Blaue Augen, ein rundes Gesicht mit einem zarten, schmalen Mund. Er passte nicht zu der Art, wie sie sich gab. Hier ist die Résistance, antwortete er und nahm den Spaten wieder auf.
Wie bitte? Ich sehe weit und breit keinen bewaffneten Menschen!
Weil du keine Ahnung hast. Du wirst es noch verstehen.