→ Zeilen im Fluss

Zeilen im Fluss
Erzählung 

ISBN 978-3-943446-85-2

Preis: € 20,- D/A/CH
160 Seiten

Inhaltsbeschreibung:
Ben Hoffmann ist nach seiner Scheidung in die Nähe von Schleswig gezogen. Er kennt dort außer einem Arbeitskollegen niemanden. Die Tierpflegerin Sandra vermittelt ihm den Hund Leslie. Ben‘s Name steht auf der E-Mail von Leon Hoffmann, der seinen Sohn Ben sucht. Er antwortet auf die E-Mail, obwohl er weiß, dass er nicht der Gesuchte ist. Es entwickelt sich ein intensiver Briefkontakt, vor allem über Musik. Ben ist sich bewusst, dass er eine falsche Hoffnung nährt, aber er hatte keinen Vater wie Leon, der ihn ernst nimmt und versteht. Doch eines Tages möchte Leon, der in den Pyrenäen lebt, seinen vermeintlichen Sohn wiedersehen. Ben begibt sich auf die Reise …

Textprobe:
Das Wetter passt perfekt zur Stimmung. Die Knospen sind nach einem Mix aus Sonne und Regen geradezu explodiert, die Vögel singen sich ein und der Winter hat sich für die nächsten Monate verabschiedet. Es riecht nach Grün, Wärme und Sorg-losigkeit. Alles scheint einfach, und wenn Leon nervös sein sollte, dann lässt er es sich zumindest nicht anmerken. Natürlich habe ich ihn mir ganz anders vorgestellt. Nicht so groß, nicht so sportlich, kränker, aber ich gewöhne mich schnell. Seine Haare haben einen vorwitzigen Wirbel und sind ein Gemisch aus verschiedenen Grautönen. Sein Gesichtsausdruck ist sehr offen und hat damit auch etwas Verletzliches, gleichzeitig wirkt er selbstbewusst. Am meisten mag ich sein Lächeln. Es kommt mir vertraut vor, nur weiß ich nicht, wie das sein kann. Vielleicht, wenn das überhaupt möglich ist, weil er so lächelt, wie er schreibt. Beides wirkt unvoreingenommen. Wir geben uns vor seiner Haustür die Hand, aber dann zieht mich Leon spontan an sich. Spätestens jetzt bin ich sicher, dass ich jedes Versprechen Sandra gegenüber, ein aufklärendes Gespräch zu führen, längst fallengelassen habe. Magdalena umarmt mich ebenfalls, länger und fester als Leon. Sie strahlt über das ganze Gesicht. Ich habe mir vorgenommen, die Zeit so gut es geht durchzustehen, aber in diesem Moment freue ich mich ehrlich und von Herzen, hier zu sein. Wenn das Leben Leon und mich zusammenbringen wollte, dann hat es das geschafft. Magdalena zeigt mir das kleine Gästezimmer, bevor wir uns mit mehreren Tellern Tapas vor das Haus setzen. Ich erzähle von der Reise und es fällt mir leicht. Die ganze Sorge und Last der letzten Tage lösen sich hier, in der baskischen Frühlingssonne, auf. Es ist, als würden Leon und ich uns schon seit einer Ewigkeit kennen, ein Gefühl wie bei alten Schulfreunden. Erst muss man genau hinschauen und sortieren, dann ist alles klar und deutlich.
Am Nachmittag folgen wir dem Camino Francés, einer der Varianten vom Jakobsweg, und obwohl die Pilgersaison gerade erst beginnt, sind wir schnell mittendrin in unserer ganz persönlichen Wallfahrt. Roncesvalles ist auf eine sehr eigene Weise sowohl ruhig als auch Mittelpunkt. Micha hat mir immer wieder eindringlich gesagt, ich müsse mich konzentrieren, um nichts falsch zu machen, aber mein Kollege ist hier, mitten in den Pyrenäen, Lichtjahre entfernt. Ich entspanne mich.
Leon ist beruhigt. Ben scheinen das Haus und die Umgebung zu gefallen, die Hemmschwelle zwischen ihnen ist schnell überwunden. Nach dem Foto im Internet hat er ihn sich zwar ganz anders vorgestellt, und er braucht etwas, um sich an das neue Bild zu gewöhnen, aber es gibt glücklicherweise kein verlegenes Schweigen oder Schüchternheit. Er sucht in Bens Gesicht nach etwas, das ihn an Lisa erinnert, aber außer den dunklen Augenbrauen nimmt er nichts wahr. Ben ist etwas kleiner als er selbst, weniger sportlich als gedacht, aber er hat etwas ganz und gar Sympathisches. Seine Haare sind voll und widerspenstig, sein Lachen unbefangen. Nach wem kommt sein Sohn äußerlich, wenn nicht nach Lisa oder ihm, und wo war die Verletztheit eines Kindes, das vom Vater verlassen wurde? Lisa muss eine großartige alleinerziehende Mutter gewesen sein. Er sollte es langsam angehen lassen. Für heute hat er einen Spaziergang vorgeschlagen, denn immerhin liegt sein Haus am Rande des wohl berühmtesten Pilgerweges Europas; morgen würden sie gemeinsam und spontan entscheiden. Er fühlt sich kräftig genug, um nach Pamplona zu fahren, wenn Ben das interessieren sollte. In der Stierkampfarena, die man auch ohne Veranstaltung besuchen kann, gäbe es eine Fülle an Grundsatzfragen, über die sie sich weiter kennenlernen könnten. Stierkampf ist eine Welt für sich, über die außerhalb Spaniens viel geurteilt, aber wenig gewusst wird.
Leon versucht, die Stimmung, als Vater mit seinem Sohn spazieren zu gehen, festzuhalten. Er muss sich eingestehen, dass es sich eher nach Freundschaft anfühlt. Das ist wohl nicht anders möglich, wenn man sich erst in diesem Alter kennenlernt. Er würde Ben gern nach Lisa fragen, aber noch traut er sich nicht. Wie schon in den Briefen spricht er auch heute nicht über sie, nicht über sein früheres Leben, seine Großmutter, 
die doch eine Rolle gespielt haben muss, oder wie er in Wismar und Berlin groß geworden ist. Auch wenn das sein gutes Recht oder vielleicht sogar eine große Gabe ist, die er sicherlich nicht von ihm hat, bleibt dieses Auslassen etwas, was Leon verwirrt. Kurz fragt er sich, ob es unter all der Offenheit etwas gibt, was sein Sohn bewusst geheim hält. Leon beschließt, geduldiger zu sein und den restlichen Tag so anzunehmen, wie er ist; er grübelt zu viel und dafür haben sie zu wenig Zeit. Ben ist ein ganz wunderbarer Mensch und das ist, was zählt.
Ich mag das Lachen von Leon, denn bevor es am Mund an-kommt, kündigt es sich bereits in den Augen an. Was wohl mein Vater dazu sagen würde, wenn er von diesem Spaziergang wüsste? Schnell schiebe ich solche Gedanken beiseite. Zieht man die Reisezeit ab, bin ich nur zwei Tage vor Ort, die sollte ich nicht mit Gewissensfragen belasten.
Leon führt mich zum Urrobi, zu ‚seinem Fluss‘, wie er ihn immer nennt, obwohl er an dieser Stelle eher einem Bach gleicht. Es ist sein Lieblingsort, von dem ich oft gelesen habe. Der Platz, an dem er viel über Vergangenes nachdenkt, über die Ver-storbenen in seinem Leben oder Sinnfragen. Ich weiß auch, dass er hier ab und zu gefaltete Papierboote ins Wasser setzt, was wohl eine unbedeutende Verspieltheit ist, aber immerhin für ihn eine erwähnenswerte. Ich hoffe inständig, dass es heute nicht der Ort ist, an dem er über die Toten sprechen möchte, denn ich weiß glücklicherweise durch eine Andeutung, dass Lisa bereits gestorben ist.
Am Wasser holt Leon eine kleine Flasche Rotwein und winzige Becher aus der Jackentasche. Wir setzen uns auf zwei Steine, die wie gemacht zu sein scheinen, um am Ufer einen Schluck Tinto zu trinken. Ich nehme an, dass Leon bereits im Vorfeld nach einer guten Sitzgelegenheit hier draußen gesucht hat, und es ist ein Augenblick, der in seiner Schlichtheit wirkt. Leon scheint es genauso zu gehen, denn wir sprechen nicht mehr und hören stattdessen den Vögeln zu.
Leon drängt sich die Vergangenheit immer stärker auf. Er hat bisher bewusst geschwiegen, aber es kommt ihm plötzlich falsch vor, nicht darüber zu sprechen, wie es Ben in seiner Kindheit ergangen ist. Ob er vielleicht Freunde hatte, die auch ohne Vater aufgewachsen sind, oder ob er sich als Außenseiter gefühlt hat. Er überlegt gerade, wie er beginnen könnte, als Ben einen alten Reklamezettel aus der Jackentasche zieht und ein Boot faltet.
Leon muss lächeln. Sich alles zu merken, scheint er von ihm zu haben. „Okay, dann schauen wir doch mal, ob deine Reklame halten kann, was sie verspricht, Ben.“
„Du musst mitmachen! Komm schon, wir lassen zwei Boote um die Wette fahren, das ist viel lustiger.“
Das leise Kichern erinnert ihn jetzt doch an Lisa. Leon holt seinen kleinen Skizzenblock aus dem Rucksack, den er aus Gewohnheit immer bei sich hat. Er beobachtet, wie Ben sehr akkurat die Papierfalten seines Bootes nachzieht. Entweder er hat Ehrgeiz oder diese Präzision ist beruflich bedingt. Auch Leon gibt sich Mühe; der Tag ist so sorglos und besonders, dass er alles, was sie tun, gern unendlich in die Länge ziehen würde.
„Was ist der Einsatz?“
Ben zuckt mit den Schultern. Leon macht eine kleine Pause, als würde er tatsächlich überlegen. „Wenn du verlierst, erzählst du mir deine schönste Kindheitserinnerung.“
„Und wenn ich gewinne?“ Ben schaut nicht von seinem Boot auf, streicht es erneut glatt und wirkt für einen Moment lang angespannt.
„Sag du es mir.“
Ben zögert. „Okay, gleicher Einsatz, nur umgedreht.“