
Hans Peter Kruse
Verdrängte Spuren
Roman
ISBN
978-3-943446-86-9
216, Seiten
20,00 € D/A/CH
Erscheinungsdatum
15.15.2026
Inhaltsbeschreibung
Von Schwerin bis Finnland, Albanien und Frankreich spannt sich die Handlung. Zwei junge Schweriner unternehmen eine internationale Studienreise in den Balkan, auf der Johannes die Französin Louisa kennenlernt, die eine starke Abneigung gegen Deutsche hat und seine Zuneigung ablehnt. Sie erleidet während der Reise einen Unfall, der eine Bluttransfusion nötig macht. Er kann mit einer Blutspende helfen. Dabei erleben beide eine Überraschung und machen sich daran, die Geschichte ihrer Familien zu ergründen. Auf dem Hof von Johannes Vorfahren in Mecklenburg arbeiteten im zweiten Weltkrieg französische Zwangsarbeiter. Louisas Verwandte wurden bei einem Massaker der Deutschen 1944 umgebracht
Leseprobe
Hof Lorenz Hinrichshagen 1944
Henry befand sich noch im Tiefschlaf, als er am Samstagmorgen von Marek, einem polnischen Zwangsarbeiter, um 6.00 Uhr geweckt wurde. Es war schon hell und ein nasser Nebel lag auf den Wiesen an diesem Tag im Mai. Müde erhob er sich von seinem Strohlager im Stall. Nun war er schon drei Wochen auf dem Lorenzhof, aber angekommen war er noch nicht in Mecklenburg. Zu fremd war ihm hier nach wie vor alles, die Sprache, die Bäuerin, die Flüchtlinge auf dem Hof und die schwere, körperliche Arbeit 6 Tage in der Woche. Schlaftrunken torkelte er zur Pumpe in der Mitte des Hofes. Er versuchte, mit dem eiskalten Wasser wach zu werden. Einzig dem bevorstehenden freien Sonntag konnte er etwas Positives abgewinnen. Sein überschaubares Frühstück bekam Henry zusammen mit Marek und den Flüchtlingen am langen Tisch in der Scheune.
Nach drei Wochen war es ihm immer noch nicht gelungen, sich mit Marek sprachlich zu verständigen. Polnisch und Französisch passten offensichtlich nicht zusammen. Der Umstand, dass Marek bereits 4 Monate früher auf den Hof gekommen war, verschaffte ihm Vorsprung. Henry war sich der Tatsache bewusst, dass er zumindest einige Brocken Deutsch lernen musste, ansonsten wäre auch weiterhin keine Kommunikation möglich. Die Notwendigkeit, die Sprache des Feindes zu erlernen, widerstrebte ihm allerdings. Er wollte das trotzdem ernsthaft angehen. Zum Glück mochten sich Marek und Henry sehr, befanden sie sich doch in der gleichen unglücklichen Situation. Marek war schon um die dreißig. Auch er war plötzlich von seiner geliebten Familie getrennt worden. Allerdings war alles für ihn noch schmerzlicher. Auf ihn warteten nämlich zu Hause seine Frau und zwei Kleinkinder. Sein Zuhause war ein kleines Dorf, in der Nähe von Wroclaw. Auch ihm hatte man Widerstand gegen die deutsche Wehrmacht vorgeworfen. Genau genommen ging es den deutschen Besatzern bei dieser Aktion nur um die Beschaffung arbeitsfähiger Männer für die deutsche Wirtschaft. Beide hatten allerdings Glück, dass sie in der Landwirtschaft gelandet waren. Viele ihrer Landsleute mussten schwerste Arbeit in der Eisen- und Stahlindustrie leisten.
Henry hatte in den ersten Wochen sehr damit zu tun, sich auf dem weitläufigen Gelände des Hofes zurecht zu finden. Wer auf dem Hof war Eigentümer, wer Flüchtling und wer hatte überhaupt etwas zu sagen? Immerhin waren sie derzeit 24 Personen. Im Wesentlichen bestand der Tag aus viel Arbeit, mäßigem Essen und unbequemen Schlaf. Zu Hause in Frankreich hatte er auch in keinem Château gewohnt, aber immerhin hatte dort alles seine Ordnung und vor allem hatten sie gute Betten. Hier auf dem Hof musste sich Henry den Schafstall mit Marek und vier weiteren jungen Männern teilen. Im Sommer und Herbst konnte man sich das Ganze noch als relativ machbar vorstellen. Aber Henry dachte mit Graus an den Winter. Hier im Norden gab es doch Eis und Schnee, soviel wusste er schon. Ein großer, gusseiserner Ofen in einer Ecke des Stalles nährte bei ihm allerdings die Hoffnung auf etwas wohlige Wärme an Winterabenden. Vorausgesetzt, sie bekämen genügend Brennholz zusammen. Ausreichend wetterfeste Kleidung hatte man den Zwangsarbeitern schon zugestanden, das war allerdings auch alles an Individualität. Sie hatten praktisch keinen eigenen Besitz und wurden auch ansonsten recht streng gehalten. Das hatte folgenden Hintergrund: Seitens des Ortsgruppenleiters der SS Fritz Wagner, sowie der örtlichen Verwaltungsbehörden wurden den Betrieben und Bauern-höfen klare Vorgaben erteilt, wie die Zwangsarbeiter zu be-handeln waren. Keinesfalls sollte es zu Fraternisierungen und engeren persönlichen Kontakten mit der einheimischen Be-völkerung kommen. Die Zwangsarbeiter durften nicht gut behandelt bzw. versorgt werden. Sie mussten daher vorwiegend in Ställen hausen. Auch das gemeinsame Essen mit Deutschen war untersagt. Das Verlassen der Hofanlage war grundsätzlich verboten. Ausnahmen bildeten auswärtige Arbeiten. Um diese Maßnahmen flächendeckend durchzusetzen, wurden regel-mäßig Kontrollen von den örtlichen Behörden durchgeführt. Um dem Ganzen entsprechenden Nachdruck zu verleihen, gab es massive Strafen für die Bauern. Mitunter wurden dann auch die Zwangsarbeiter abgezogen. Insofern war Bäuerin Sophia Lorenz nicht zu beneiden. Den Spagat, einerseits bei den Behörden nicht auffällig zu werden, aber anderseits ihre Zwangsarbeiter ordentlich zu behandeln, bekam sie gut hin. Sie war eine gütige und gerechte Frau. Oft steckte sie ihnen zwischendurch heimlich weitere Lebensmittel zu. Auch ließ sie sie zu besonderen Anlässen doch im Haupthaus speisen, obwohl dies verboten war. Bereits Mitte September sorgte sie dafür, dass ausreichend Brennholz für den Winter in den Schafstall geschafft wurde. Bei allem immer darauf bedacht, dass dies niemand mitbekam, auch die Flüchtlinge nicht. Sie musste absolut vorsichtig sein, denn in dem faschistischen Deutschland dieser Zeit wurde dem Denunziantentum massiv Vorschub geleistet.
Auch wenn Henry vieles von den Bemühungen der Bäuerin als angenehm empfand, änderte es nichts an seiner grundsätzlichen Situation. Er war einsam und sehnte sich nach Hause. Es gab nur wenige schöne Momente in seiner momentanen Zwangslage. Aber jede Begegnung mit der älteren Tochter des Hauses ließ sein Herz höherschlagen. Da konnte er seine missliche Lage für einen Moment vergessen. Die 19-jährige Hilde erschien ihm wie eine Göttin. Sie war schüchtern, schlank und hatte blonde, geflochtene Haare. Für ihre Mutter war sie auf dem Hof eine große Stütze. So war es zwangsläufig, dass sie diverse Arbeiten auf dem Hof ausführte und Henry regelmäßig über den Weg lief. Es war für jedermann offensichtlich, sie gefiel Henry sehr. Sollte er von ihr am Tage ein kleines Lächeln erhaschen, machte es ihn überglücklich. Henry mit seinem athletischen Körper und dem aufrechten Gang gefiel ihr, wenngleich sie sich von Beginn an bewusst war, dass sie einem Zwangsarbeiter gegenüber keine positiven Gefühle hegen durfte. Das hatte ihr die Mutter beizeiten vermittelt.
Um keine Probleme zu bekommen oder gar versetzt zu werden, versah Henry seine Arbeit korrekt und pünktlich. Allerdings war er stets darauf bedacht, möglichst oft in Hildes Nähe zu gelangen. Auch war ihm bewusst, dass persönliche Kontakte zu den Hofbesitzern und anderen Deutschen streng verboten waren. Aber Gefühle lassen sich eben schwer steuern, geschweige denn verbieten.
