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Anders-Wo sind Geschichten vom Reisen. Keine Welt- oder Fernreisen, sondern sie gehen nach Spanien, Frankreich, Italien, Marokko, Israel, Österreich und in die Schweiz.
Im Mittelpunkt stehen Menschen, die versuchen, ein anderes Leben zu führen oder zu finden, die ausgestiegen sind aus dem Hauptstrom der Karriere- und Konsumsüchtigen und sich eine Existenz aufbauen, die ihnen Sinn gibt.
Auf Reisen begegnen sie dem Fremdsein, der Einsamkeit, dem Glück des Unbeschwertseins, und sie sind konfrontiert mit sich selbst und ihrer eigenen Geschichte. Das Erleben von Ungewöhnlichem, die Auseinandersetzung mit anderen Lebensweisen rührt an die eigenen Themen.

Jede Erzählung ist ein sensibel geschriebener Miniatur-Roman über das Anderssein und das Wo oder Wohin, also die Sehnsucht.

Astrid Schmeda
Anders-Wo
Erzählungen
ISBN 978-3-943446-23-4
248 Seiten € 16,90

 

Leseprobe

Nacht in Florenz

Das Taxi kam pünktlich am Bahnhof an. Noch fünfzehn Minuten Zeit. Die Fahrkarte hatte sie in der Handtasche, mit Bettplatz im Dreier-Abteil Damen. Das italienische Geld reichte noch für den Taxifahrer. Draußen war es schon dunkel. Grazie, den schweren Koffer, Fototasche, Handtasche, den Beutel mit den Geschenken, Arrivederci.
Charlotte eilte über den Gehweg, ohne Passanten anzusehen, schnell hinein in den hell erleuchteten Bahnhof. Jetzt die Übersicht mit den Abfahrtszeiten, welches Gleis, gleich würde sie im Zug sitzen. In der Halle vor den Gleisen liefen viele Menschen hin und her, wie immer, und gleichzeitig bemerkte Charlotte die Veränderung sofort. Der Bahnhof war in eine seltsame Ruhe getaucht, trotz der Menschen. Charlotte verstand nicht, was das bedeutete. Sie blieb mitten in der Halle stehen, schaute sich um. Es waren gar keine Züge da, seltsam, solch einen Moment hatte sie noch nie erlebt, in dem gerade alle Züge abgefahren waren. Aber sicher würden gleich die nächsten eintreffen, und all das Zischen und Quietschen und die Stimmen der Ansagerinnen würden die Halle wie gewohnt beleben. Über der Anzeigentafel blinkten Lichter, ein Zug von Florenz in einen unbekannten Ort leuchtete auf und verlosch.
Charlotte sah wieder auf die Gleise. In den letzten beiden Reihen standen jeweils die Lokomotiven, ohne Wagen. Auf den Bahnsteigen war alles still, keine wartenden Menschen, kein Zug traf ein. Junge Italiener liefen in Reihen nebeneinander eilig in den Bahnhof und am Ende wieder hinaus. Reisende kamen mit Koffern auf Rollen. Die Schalter waren geschlossen. Eine Schulklasse lärmte, die Kinder warfen ihre Rucksäcke in die Luft und übten sich darin, sie wieder aufzufangen. Kein Bahnbeamter war zu sehen, keine Aufsicht. Charlotte stand erstarrt.
Zwanzig Uhr neun sollte ihr Zug fahren, die große Uhr über dem Eingang zeigte Punkt acht. Sie nahm ihren Koffer auf und ging langsam in Richtung der Schalter, wo Gruppen von Reisenden beisammen standen und aufgeregt diskutierten. Zwei ältere Herren sahen vertrauensvoll aus, sie waren gut gekleidet, in langen Mänteln, das graue Haar locker verweht. Zwei Professoren wohl, dachte Charlotte und stellte sich daneben, sie sprachen deutsch.
Jetzt erleben wir am eigenen Leibe, sagte der eine, die Macht des Proletariats! Er lachte.
Der andere schmunzelte genüsslich: Nun wird es ja interessant.
Was meinten sie, was sollte daran interessant sein?
Charlotte hörte hinter sich einen jungen Mann in schwäbischer Mundart sagen: Mitten auf dem Feld haben sie angehalten, aus!
Charlotte schaute ihn fragend an.
Streik!
Alle Räder stehen still… zitierte der Professor.
Charlotte wandte sich ab. Keine Faser in ihr war auf Seiten der Streikenden, sie wollte nach Hause.
Sie hatten alles genau ausgerechnet. Morgen früh um 9 Uhr 32 würden Benno und Anna am Bahnhof auf sie warten. Anna!
„Der Zug Bologna – Modena – Verona – Bolzano – Brennero ist abgeschafft worden!“ höhnte eine Stimme durch den Laut-sprecher.
Charlotte fuhr herum. Waren sie denn alle verrückt geworden?
Auch die deutschen Züge?
Vielleicht kommt noch einer um zehn, sagte der junge Mann.
Also, um zehn. Sie würde zu Hause anrufen. Zwei Stunden warten. Für ein Abendessen reichte das Geld nicht. Sie besaß zweitausend Lire und vierzig Mark für die Heimfahrt.
Sie schleppte Koffer und Taschen zu den Toiletten. Die Klofrau nahm ihr vierhundert Lire ab, Charlotte sah sie feindselig an. Sie suchte eine Telefonzelle, zumindest besaß sie noch eine Telefonkarte. Aber es war nur der Anrufbeantworter dran. Sie musste aufpassen, mit fester Stimme zu sprechen. Alle Räder stehen still, sagte sie. Sie streiken!
Mehr brachte sie nicht über die Lippen.
Wider Willen schlich sie sich in den Wartesaal, der überfüllt war. Sie setzte sich in die mittlere Reihe neben ein Pärchen. Also bis zehn Uhr. Das Paar sprach Englisch. Die Frau lehnte sich, auf den Koffern sitzend, an seine Knie. Ihnen konnte es egal sein. Charlotte war völlig abgeschnitten. Sie setzte sich auf die äußerste Kante des Sitzes, den Koffer zwischen den Beinen, die Taschen auf dem Schoß. Hier konnte nicht geweint werden, das tat hier niemand, warum auch?
Charlotte saß kerzengerade. Drei Tage hatte sie durchgehalten, stolz war sie auf diese drei Tage gewesen, als sie den großen Koffer heute Mittag packte, und froh, dass sie nun wieder abfahren würde.
Seltsam, wie sie sich an ihr Hotelzimmer gewöhnt hatte, wie es ihr beim Packen fast lieb geworden war, in seiner Schlichtheit. Schön war es ihr fast erschienen, wie nur ein Ort Schönheit erhält, an dem man allein gelebt hatte, geträumt, geweint, gelesen, aus dem Fenster geschaut, nichts gesprochen, an dem ihre Gefühle in unerhörter Heftigkeit pulsiert hatten. Über dem Tisch lag ein Hauch von Licht, ein kleines eingesperrtes Glück. Und dann beim Packen nur noch Freude. Ich komme, ich komme! wollte sie Anna zurufen, nur noch eine Nacht schlafen! Wie sie gebunden war an dieses kleine Wesen, jeder Herzschlag mit ihrem schlug, so wie sie vorher mit Benno verbunden gewesen war, immer schon war sie eingebunden und festgezurrt in einen Kokon.

Den ersten Tag hatte sie in den Uffizien verbracht. Sie war hineingestürzt, von Saal zu Saal geeilt, ruhelos, als könnte sie etwas verpassen. Sie wollte eintauchen in die italienische Malerei, alles gierig aufsaugen. Aber die Marien und Heiligen und die Könige und Krieger schauten sie fremd und unnahbar an.
Nach dem ersten Durchgang blieb sie erschöpft auf einer Bank sitzen, die Augen auf die Deckenmalerei gerichtet, die ihr verschwamm. Was suchte sie denn? Sie versuchte es aufs Neue, ein wenig ruhiger. Diesmal fand sie Leonardo. Sie blieb vor der Verkündigung lange Zeit stehen und atmete frei, bis es sie weiter trieb. Auch Michelangelos Heilige Familie zog sie an. Obwohl sie das Bild ablehnte: die Farben hart und zu viel Licht, die nackten Männer im Hintergrund heroisch-männlich. Charlotte konnte schauen und schauen, gleichzeitig kämpfte etwas in ihrem Inneren.
Sie setzte sich und machte sich an die erste Skizze, die ihr misslang. Als die Aufseherin sie bat, aufzustehen, weil sie auf ihrem Stuhl säße, war sie erleichtert. Sie wollte sich von der Heiligen Familie lossagen, dieser lächelnden, falschen Einigkeit. Gut, dass die glatten, grellen Farben sie gewarnt hatten. Die Harmonie war nur vorgetäuscht, immer deutlicher wurden die frohen Gesichter zu Fratzen.
Leonardos Verkündigung aber wollte sie annehmen. So naiv und jung und gleichzeitig fest und sicher wie Leonardos Maria wollte sie dasitzen, die eine Hand auf dem Pult, die andere zunächst noch abwehrend, sollte sich öffnen und das Geschenk annehmen. Nur dass zu ihr kein Engel kam, das wusste sie, sie musste auf das hören, was ihr Herz schlug und wonach alle Sinne sie drängten, gegen die Angst.
Am Abend des ersten Tages war sie erschöpft. Die Lichter der Restaurants zogen sie an, aber sie traute sich nicht hinein. Der Regen tropfte von den Dächern, die nassen Straßen blinkten, bald würde es dunkel sein. Charlotte kroch zurück in ihren Kokon. Eilig und möglichst unsichtbar huschte sie über die Piazza Signorina, um zwei Straßenecken, da wartete das Hotel.
Von ihrem Fenster konnte sie über die Dächer in die abendlichen Straßen sehen. Sie hatte die Tür verschlossen. Sie lauschte und schaute, und schon lief sie dort unten im hübschen Kostüm, klack, klack hörte sie ihre Absätze, und die Ohrringe gaben einen feinen Klang. Sie würde einen Bummel an den teuren Geschäften entlang machen, einen Aperitif auf der Straße trinken, vor einem der hell glitzernden, großen Cafés. Bis der Konzertsaal oder das Theater sie mit Kronleuchtern und Musik umfinge. Jetzt hörte sie eine Querflöte spielen, der Regen hatte aufgehört, und ein erster Musiker wagte sich auf die Straße. An einer Ecke blieben Menschen stehen, da gaukelte ein Pantomime. Touristengruppen zogen lärmend unten am Hotel vorüber. Auf dem Schornstein gegenüber sang eine letzte Drossel. Das also sollte die Nacht in Florenz sein?
Charlotte blieb lange auf, horchte und spähte hinaus. Nach und nach machte sich hinter den Flötentönen, aus dunklen Hinterhöfen, Toreinfahrten und engen Seitengassen schleichend, etwas Beängstigendes Platz. Je dunkler und stiller es wurde, desto dichter kroch das Unheil. Charlotte schloss das Fenster. Sie bekam Angst um Anna, und die Sehnsucht er-stickte sie fast.

Da war der Gong, alle Wartenden richteten die Köpfe auf, die sich unterhalten hatten, sahen sich schweigend an.
„Der Zug Bologna – Modena – Verona – Bolzano – Brennero ist abgeschafft worden!“, ertönte die Stimme über den leeren Bahnhof. Charlotte schaute sich um, alle waren wieder in sich zusammen gesunken oder führten ihre Unterhaltung fort. Das englische Paar war verschwunden. Wo sollte sie bleiben? Charlotte stand auf, schleppte ihre Sachen in die Halle. Nichts war geschehen, die Gleise lagen tot ohne Züge. Die Uhr zeigte viertel nach zehn.
Als sie in den Wartesaal zurück kehrte, war ihr Platz besetzt. Charlotte wartete mit weichen Beinen. Ein Stuhl wurde an der Wand frei, schnell nahm sie ihn ein. Hier konnte sie sogar den Kopf anlehnen. Die Frau neben ihr rückte die Netze so zurecht, dass Charlotte mit ihrem Koffer Platz fand. Sie schaute die Frau dankbar an. Eine italienische Bauersfrau, die nach dem Einkaufen vom Streik überrascht worden war. Es wurden Busverbindungen durchgegeben, jedes Mal schaute sie auf, schloss dann wieder die Augen. Charlotte gestattete sich nur, an die nächsten fünf Minuten zu denken.
Eine Gruppe deutscher Jugendlicher richtete sich auf dem Fußboden ein. Sie breiteten ihre Schlafsäcke aus, legten sich Kopf an Rücken schlafen. Diese Freiheit in sich zu tragen, dachte Charlotte, jeden Tag ungebunden, und keiner, der auf einen wartete. Das war in ihrer Vorstellung, als würde sie ins Bodenlose sinken, und sie beneidete sie dennoch.
Langsam wagte sie, die Augen wandern zu lassen. Neben den Bäuerinnen und Hausfrauen mit Einkaufstaschen saßen alte Männer in beigen Sommermänteln, Rentner vielleicht, so als ob sie auf nichts warteten. Die Penner hockten betrunken in einer Ecke in ihrem Schmutz und dämmerten vor sich hin. Jetzt kam ein kräftiger Kerl dazu, mit einer Schnapsflasche in der Hand, er grölte unverständliche Worte, keiner kümmerte sich um ihn. Eine Schulklasse stürzte lärmend herein, die Kinder wurden in eine Ecke geschoben, sie setzten sich übereinander, Lachen und Foppen flogen von einem zum anderen. Unheimliche Gestalten schlurften in die offen stehende Tür, Charlotte zwang sich, hinzusehen. Sie hatten verknorpelte, tief hängende Gesichter, waren verwachsen oder verkrüppelt, streckten die zitternden Hände nach einer Zigarette aus, setzten sich, schlurften wieder davon. In der mittleren Reihe des Wartesaals zwischen den alten, schlafenden Frauen, den Männern mit tief gezogener Mütze und einem Stummel zwischen den Zähnen und den Reisenden, die die Augen versuchten zu schließen und bei jedem Gong aufsahen, saßen ein Mann und eine Frau. Sie fielen Charlotte auf, nicht weil sie so blass waren und beide sehr dünn, wie ausgezehrt, er in einem hellen, schlotterweiten Anzug, sie in gestricktem Kostüm, hoch geschlossen, aneinander gelehnt, sondern wegen des Lächelns, das sie in sonst unbewegten Gesichtern auf den Lippen trugen, und der Blick-richtung der Augen, die in eine unbekannte Ferne wies. Dieser Gesichtsausdruck war für Charlotte so unangemessen, dass sie eine Weile geringschätzig auf das Paar schaute, um sich dann gewärtig zu werden, dass sie Anna und Benno nicht entgegen fahren würde in dieser Nacht.

Sie schloss die Augen und war jetzt wieder im Dom. Der zweite Tag hatte sie mit verdunkeltem Himmel empfangen, auch in Charlotte war es verhangen. Sie trat am Morgen aus dem Hotel. Einen Moment lang waren alle Farben aus ihrem Sehen verschwunden, und die jahrhundertschweren Gebäude sowie die lange, vergangene Nacht, die noch nassgrau zwischen den Gassen hing, belasteten sie.
Charlotte hatte die Lage des Duomo auf der Karte studiert und trat mit festem Schritt den Weg an. Sie war erleichtert, als sie den grauweiß gestreiften Koloss erreichte. Sie wollte hinein gehen und dort bleiben. Den hohen Raum und das Alter der Säulen und die Orgelmusik, vielleicht das Spiel des Lichtes durch die Rosetten, viel mehr nahm sie nicht wahr. Sie verbrachte fast den ganzen Tag auf der ersten Kirchenbank gleich neben dem Seiteneingang und ließ sich in allen ihren Höllenstürmen untergehen: dem Empfinden, in ihrer Existenz bedroht zu sein ohne die Menschen, die ihr Rückgrat und Schutz waren, ohne das, was sie um sich herum festgezurrt hatte, was sie Liebe nannte, und dadurch ausgeliefert der Fremde. Und sie selbst war fremd in dem Fremden.
Erst als sie spürte, wie hart das Holz war, auf dem sie saß, und welche Schmerzen im Steiß, erst als ein altes Weib sich zum Gebet neben sie hockte, tauchte sie wieder auf. Sie trat hinaus aus dem Dom, spürte das Licht, das die Regenwolken durchwebte, auf ihrer Haut, und, als wäre es normal, setzte sie sich in das gegenüberliegende Restaurant und bestellte einen Salat und einen Capuccino. Das Licht nahm zu, das wie in einem großen Mosaik gelegte Pflaster blinkte, ein Hauch von Leichtigkeit ließ sie atmen. Die Rechnung erschreckte sie zwar, Benno wäre nie in der Nähe des Doms essen gegangen. Sie rannte ins Hotel, das jetzt schon Zuhause genannt wurde, breitete Farben und Pinsel vor dem Fenster aus und war später stolz, dass sie den ganzen Abend keine Schreckensvisionen brauchte, nur die Vision von einem Bild, das sie in sich trug.

Draußen im Bahnhof war es ruhig geworden, die Lautsprecherstimmen hatten alle Durchsagen eingestellt. Im Wartesaal drängelte sich das Leben, es ging gegen Mitternacht. Der große Kerl mit der Schnapsflasche lief an den Reihen der Wartenden entlang und hielt Reden, die Rentner-Männer schimpften auf ihn, einer der unheimlich Verkrüppelten versuchte, sich vor ihm zu verkriechen. Die Schulkinder gackerten lauthals, ein altes Ehepaar zankte in einer fernen Sprache. Wie sollte denn hier die Nacht verbracht, wie sollte geschlafen werden? Charlotte zwang sich in eine Apathie und Leere hinein, um fünf Minuten nach fünf Minuten durchzuhalten.
Der Lächler hatte eine Gitarre dabei, er zupfte verträumt an den Saiten. Seine Frau schaute ihn an, legte den Kopf auf seine Schulter. Er spielte ein Lied leise für sich hin, summte dazu, den Kopf gesenkt. Beim nächsten Lied schaute er wieder lächelnd in eine Ferne, und seine unmittelbaren Nachbarn, sowie Charlotte, die ihm gegenüber saß, hoben die Köpfe. Er sang mit hoher Frauenstimme, und drüben die Schulklassenmädchen begannen mitzusummen. Sie schlichen heran und setzten sich vor ihm auf den Boden, auch die Betrunkenen wurden leiser. Der Kerl wurde, als er mit Reden beginnen wollte, scht, scht!, zur Ruhe gemahnt, und der Lächler sang weiter. Bald war der ganze Wartesaal still. Charlotte schloss die Augen.
Der Mann mit der Sopranstimme sang die alten Lieder, Beatles, Donovan, Bob Dylan. Die Mädchen baten ihn leise um weitere Lieder, einige, auch von den Älteren, wiegten sich. Charlotte ließ die Augen geschlossen und spürte, wie sie herabsank mit den Tönen im Raum, und nahm noch die Stille wahr, die sich ausbreitete.

Charlotte befand sich auf einem Platz, es war der Dorfplatz von früher, als sie Kind war. Eine Mauer von Menschen stand um sie herum, in der Mitte war sie allein, alle drehten ihr den Rücken zu. Charlotte wollte hindurch oder sehen, was die Menschen machten, aber sie war viel kleiner als alle. Sie zupfte einem am Jackett, er drehte sich um und zeigte ihr eine schreckliche Fratze. Sie wollte sich durch die vielen Beine und Rücken hindurch drängeln, fort, nur fort! Die Menschen drehten sich nach ihr um und hatten grauenhafte Gesichter, Vogelköpfe, lange Nasen und riesige, verzerrte Münder. Plötzlich spürte sie die alten Finger, die durch ihr Haar strichen und sie so herauszogen aus dem Meer von Fratzen. Jetzt saß sie zwischen Rosenbeeten bei der Großmutter, hohe Mauern begrenzten den Garten. Die knochige Hand befühlte ihr Haar. Bleib du nur, bleib du nur, murmelte die Großmutter. Charlotte war erst erleichtert, doch die Finger hörten nicht auf durch ihr Haar zu fahren. Es wurde ihr eng, die Luft im Garten war dick, aus den Fingern floss ein klebriger Saft über ihren Kopf, wie Honig, aber sie mochte nicht danach lecken, sie ekelte sich. Geh doch zur Gartentür, sagte sie sich, da kannst du hinausschauen. Indem sie langsam, von einer Unruhe geweckt, den Traum verließ, sah sie das Kind am Tor stehen, angelehnt, naiv und jung, eine Hand auf der Klinke, um jederzeit ins Haus schlüpfen zu können, die andere ausgestreckt, als wollte sie etwas empfangen. Charlotte hatte dieses Bild auf Zeichenkarton im Koffer, und es war Anna, die am Tor stand, nicht die verlorene Charlotte.
Die Unruhe breitete sich aus und wurde lauter, Charlotte öffnete die Augen. Der Wartesaal war aus der Stille getreten, wie eine Welle lief die Unruhe durch den Saal. Carabinieri kontrollierten die Fahrscheine, alle Menschen ohne biglietti hatten den Wartesaal zu verlassen. Es waren zwei Männer und eine Frau in Uniform, sowie ein Hund kurzgehalten an der Leine. Die Penner schlurften schimpfend hinaus, der Kerl grölte, auch die Rentner erhoben sich knurrend, als die Reihe an ihnen war, einige junge Mädchen aber widerstanden, sie hatten wegen des Streiks keine Fahrkarten mehr kaufen können, war das ihre Schuld? Der Unfriede war wieder hergestellt.
Als die Carabinieri noch nicht ganz bis zum Ende des Warte-saals durchkontrolliert hatten, schlichen sich die ersten Penner hinter ihren Rücken wieder herein. Charlotte räkelte sich schmunzelnd. Es war fünf Uhr morgens. Wie lange es her war, als sie gestern, am dritten Tag, erwacht war!

Dieser letzte Tag war voll Genuss gewesen, weil sie wusste, sie würde heute zurück in ihr Dorf reisen, so als ob sie erlöst wäre. Jetzt öffneten sich ihr die Plätze und Gassen. Auf dem Ponte Vecchio kaufte sie eine kleine Maske für Anna, die vorne lächelte und rückwärtig traurig war, und für Benno einen Armreif aus Bronze, Kupfer und Silber, eine Schlange, die ihren Kopf genüsslich auf ihren Schwanz gelegt hatte.
Charlotte stand auf der Brücke Santa Trinita wie Dante, sie sah Beatrice und ihre Freundinnen und spürte die Sehnsucht wie er, die linke Hand aufs Herz gelegt, als Beatrice vorbeischritt und nur ein Wimpernschlag ihm etwas verriet. Da freute sie sich auf Benno, dem sie so entgegen schreiten und sich zeigen wollte. Hier bin ich.

Charlotte erschrak. Jemand hatte ihr Knie berührt. Der junge Mann mit dem schwäbischen Akzent hockte vor ihr, sein Gesicht von der durchwachten Nacht weich und gelöst, die braunen Augen ungeschützt.
Kommst du mit frühstücken? Wir wollen versuchen, per Anhalter über die Alpen, man kann doch nicht ewig warten.
Charlotte freute sich, abgeholt zu werden aus ihrer Apathie. Sie gab ihr letztes italienisches Geld in der Gepäckaufbewahrung aus.
Als sie aus dem Bahnhof trat, wurde sie vom lichten Florenz empfangen. Ein neuer Morgen brach an, mit blauweißem Himmel und frisch gewaschenen Straßen. Die Kellner stellten pfeifend die Stühle hinaus, die Taxifahrer breiteten die Morgen-zeitung über den Lenkrädern aus, die Bäckerläden wehten ihre Düfte durch die Gassen.
Der Tag lag ungeplant vor Charlotte.