→ Wir werden wild sein

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Der neue Roman von Astrid Schmeda versetzt uns in den Süden Frankreichs. Lucio ist in Nicaragua geboren, seine Eltern sind Deutsche. Julie und Daniel verbrachten eine Zeit in Nicaragua, um sich am Aufbau von Kollektiven nach der Revolution zu beteiligen. Dieser Traum von einem anderen Leben in einer Gemeinschaft hat sie geprägt und beschäftigt auch Lucio. Er und seine Freunde Manolo, Jon, Victor und Anouk erleben die letzten drei Schuljahre auf dem Gymnasium in Nîmes. Sie sind beschäftigt mit Bevormundung und Ungerechtigkeiten in der Schule, den Problemen in den Familien. Sie machen Rapmusik, rauchen Haschisch, setzen sich mit Abhängigkeiten auseinander und sind mit der Gewalt auf der Straße und der des Staates konfrontiert. Lucio erlebt seine erste große Liebe sowie den ersten Trennungsschmerz, er zieht im letzten Schuljahr zu Hause aus und beginnt ein selbständiges Leben in der Stadt. Julie und Daniel versuchen, neben ihren eigenen Problemen, zu Lucio zu stehen und ihn zu unterstützen, sie gehen dabei einen schmalen Pfad zwischen Angst, Zweifel, Freude und Zuversicht. Der Roman ist mit viel Witz und großem Einfühlungsvermögen in die Welt der Jugendlichen, aber auch der Eltern geschrieben.

ISBN 978-3-943446-00-5
ca 420 Seiten
24.90 €
Edition Contra-Bass

 

Leseprobe

Lucio ging langsam auf sie zu. Alle Geräusche, das Lachen und Schreien, Rufen und Rennen auf dem Schulhof, das Rauschen der Umgehungsstraße, das Brummen der Stadt, alles war wie ausgelöscht. Lucios Schritte federten in einer Watteschicht. Er sah ihre langen, dünnen Finger, die eine Seite umblätterten, ihr Profil mit der kleinen, runden Nase, den starken Augenbrauen … da hob sie den Kopf. Ihr Lächeln durchfuhr ihn bis zu den Zehenspitzen. Es war ein Lächeln, das nicht nur ihren Mund extrem verbreiterte und ihre schneeweißen Zähne sehen ließ, nicht nur ihre Wangen straffte, ihre Augen in ein Strahlen legte, sondern ihr gesamter Körper war davon erfasst. Lucio sah nicht genau, was sie mit den Armen machte, aber es war, als breitete sie diese aus, und er verspürte ein Verlangen, sich hineinzustürzen.
Er blieb einen Schritt vor ihr stehen. Sie klopfte mit der flachen Hand auf den Stein neben sich, eine sanfte, fast unauffällige Geste. Er stellte seine Tasche ab und setzte sich. Tausend Gesprächsanfänge rasten durch seinen Kopf. Er hatte sich aber so nahe neben sie gesetzt, dass er sie roch. Es war kein Parfum, jedenfalls kein typischer Parfumgeruch, sondern eher etwas wie Räucherstäbchen oder wie frisches Heu. Er atmete ihren Geruch ein und sagte unvermittelt: – Du riechst gut. Sie lachten beide. Das kleine Buch war verschwunden. Sie drehte sich eine Zigarette. – Was liest du? fragte er. – Emile, von Rousseau. Über Erziehung. Kennst du ihn? – Nein. Oder ein wenig. Ist er nicht etwas antiquiert? – In der Zeit werden Kinder gerade erst als Kinder entdeckt. – Gut, aber er will sie erziehen. Neill sagt… – Neill? – Er hatte eine freie Schule in England gegründet, Summerhill. – Und was sagt er? – Dass jedes Kind selbst weiß, was es braucht.
Anouk summte eine Melodie. We don’t need no education. – Woher kennst du das? – Ich habe zwei kleine Brüder, sagte sie, obwohl das nicht erklärte, woher sie Pink Floyd kannte. Sie schaute in die Ferne. – Ich glaube, dass sie Erziehung brauchen, aber ich weiß nicht, wie es geht. – Aber das ist doch gar nicht dein Job, entrüstete sich Lucio. Was… macht das nicht … deine Mutter? – Hast du Geschwister? – Nein. – Hast du einen Vater? – Ja. – Wir nicht. – Doch, ihr habt einen, sagte Lucio fest. Auch wenn er nicht da ist oder… Er sah sie an, sie nickte. – Selbst wenn er tot wäre. Ihr habt einen Vater und der hat euch geprägt und tut es immer noch, er spielt jedenfalls eine Rolle.