→ Schnee hinter den Augen

Schnee hinter den Augen, Renate Langgemach, contra-bass, verlag

Renate Langgemach zeichnet in ihrem dritten Roman das Portrait eines kriegsversehrten, erblindeten Vaters und seiner Familie, die der Traumatisierte mit seinen Bedürfnissen prägt – und hintergeht. Lilly erhält ein mysteriöses Paket. Was sie darin findet, verweist auf eine Zeit, in der ihr Vater noch sehen konnte. In Gesprächen mit ihr enthüllt die Absenderin des Paketes kurz vor ihrem Tod eine Seite des Vaters, die nicht zu dem hilfsbedürftigen und zugleich herrischen Kriegsblinden passt, den Lilly erlebt hat. Widerstrebend fügt sie dieses fremde Puzzle aus Fotos, Briefen und Tagebüchern den eigenen Erinnerungen hinzu, den Besonderheiten und Einschränkungen, die sie als Kind an der Seite des geliebten Vaters erfuhr. Lilly lässt sich darauf ein, ihr Bild von ihm zu korrigieren, und muss sich, mit über 60 Jahren, noch einmal von ihrem Vater trennen. Es ist ein einfühlsamer Roman über Blindheit, Schuld und die blinden Flecken der Erinnerung.

Titel
Schnee hinter den Augen

Autorin
Renate Langgemach

Genre
Roman

ISBN
978-3-943446-30-2

Einband
Hardcover

Seitenzahl
204 Seiten

Genre
Hörbuch
4 audio-CDs

ISBN
978-3-943446-32-6

Preis
Buch 18,00 € D/A/CH
Hörbuch 16,00 € D/A/CH

Erscheinungsdatum
30.6.2017

Leseprobe

Das Paket kam an einem Morgen im Februar. Zu spät, sagte der Briefträger, das Grab Ihrer Mutter ist schon zu! Bei uns hieß es, Nachtod’s-Post gehört in die Grube. Sonst bringt sie Unglück!

Das Paket war schwer, mit Bindfäden umwickelt, klein für sein Gewicht, ohne Absender. Es trug den Geruch lichtloser Keller.
Und es löste Verwirrung aus, kaum hatte ich es in die Hände genommen. So als ertappte mich jemand bei einer Schandtat – oder ich ihn. Es ließ mich im Haus der Mutter versinken, das ich ausräumen wollte, ein paar Erinnerungen einsammeln und weiter nichts.
Niemand konnte ahnen, dass es mir den Boden unter den Füßen entziehen, mich in kindliches Verhalten zurückwerfen würde, mich verletzlich machen, stumm. Dass ich beginnen würde, die Welt um mich herum vor den Kopf zu stoßen. Max und meine Freundinnen gaben auf, nach meinem Zustand zu fragen, den auch ich mir nicht erklären konnte. Ich, die ich ein Leben hinter mir hatte und jetzt von etwas überwältigt wurde, das mir bisher unbekannt war.

Zwölf Tage nach dem Tod meiner Mutter war der Fremdkörper an ihrer Tür abgegeben worden. Ich hatte ihn angenommen und in den Keller getragen.
Dort war Mutters Packstation. Hunderte Päckchen hat sie auf dem Bügeltisch in Papier geschlagen, Bänder darum geknotet so sicher wie Schnürsenkel, sie gedrittelt und quergezurrt. Ihre Pakete verströmten Festigkeit und Kraft.
Als die Post Klebestreifen statt Sisal vorschrieb, verlor meine Mutter ihre Packlust.
Das unzeitgemäße Ding, das ich jetzt in den Händen hielt, das nichts über sich verriet und durch Fäden gebündelt auf diesen Tag gewartet zu haben schien, kam trotz des Bänderverbots der Post an.

Ich war lange nicht im Wäschekeller gewesen. Der Bügeltisch stand ungewohnt in den Raum geschoben, das Bügeleisen lag auf dem Boden, ich hob es auf, stellte es auf das Brett, stieß an einen Hocker neben dem Tisch. Hier hatte es nie einen Hocker gegeben! Hier wurde im Stehen gebügelt!
Ich wollte kein gefallenes Eisen, keinen Hocker, kein Schwächesignal, das ich übersehen hatte, keine Gänsehaut, die jetzt meine Arme überzog.
Anfang Februar hatten Mutter und ich zuletzt telefoniert. Du liebst doch auch den Schnee, hatte sie gesagt. Bei mir liegt Schnee.
Weil vor meinem Fenster die Sonne schien, lachte ich und verstand nicht, dass sie mich zu sich locken wollte, dass ich kommen sollte, dass es dringlich war – es hatte tatsächlich geschneit bei ihr und ich hatte ihren Ruf überhört.
Dieses Wissen war ein Unruhetreiber wie das gefallene Bügeleisen und der verschnürte Karton mit Erinnerungen aus welchen Tagen auch immer.
Ich wollte trauern, sortieren in Mutters Haus – die Guten ins Töpfchen – und in Ruhe gelassen werden. Schrecken hatte es genug gegeben in den vergangenen Tagen. So lief ich unverrichteter Dinge mit dem Paket wieder nach oben und schlug die Kellertür hinter mir zu.

Am dreizehnten Tag schnitt ich die Paketbänder auf – meine Mutter hätte sie zur Zweitverwendung auseinander geknotet – riss das Papier vom Karton, auch das verstieß gegen die Regeln der Verwahrdisziplin, bog die Pappdeckel hoch und griff durch ein Papiermeer. Ich machte zwei Gegenstände darin aus. Als ich bemerkte, dass sie mit Verbandszeug umwickelt waren, versenkte ich sie umgehend zurück und schob den Karton mit dem mumifizierten Unbekannten hinter alle anderen, die da zum Einpacken bereit standen.

Mutters Bücherwand strömte auf mich zu wie farbiges Wasser. Darin ihr Gesicht, ihre Hände, ihr Flüstern auf den Wellenkämmen, mein Sehnen und meine Traurigkeit. Buchstützen mischten sich in die Tränen, Schalen, Winterteller, Reihen von Lexika, tausendmal durchgeblättert, der Atlas, in dem auf vergilbten Bögen Truppenbewegungen nachgezeichnet waren, gepresste Briefmarken klebten, Reiserouten festlegt wurden.
Da war die Behutsamkeit, mit der sie Tonkrieger, Elfenbein-elefanten, Erdgeister und Steingeister zwischen die Bücher geräumt hatte, da war der Totenmarsch, ihre Asche, die wir mit Schneeblumen zum Grab getragen hatten, der Schweiß, den ich von ihrer Stirn tupfte, die Zärtlichkeit, die den letzten Herzschlag verwandelt. Da war die Trauer mit ihrem zehnfachen Widerhall.

Ich wähle aus, sagte ich mir. Ich lege fest, welche Gegenstände weiterleben und welche auf Nimmerwiedersehen mit ihr gehen. Ich wog den Schutzgeist aus Peru, dann einen Messingkrug, warm fühlte er sich an, weich, ziseliert, für mehr als die Augen geschaffen. An seinem Boden klebte ein Zettel wie ein Jahrmarktslos, vom Markt in Beirut stand darauf, weißt du noch, wie du mit dem Händler darum gefeilscht hast?
Ich sah vor mir, wie Vater den Krug mit den Gravierungen abtastete, verhandelte, ihn dann in seine Tasche packte, er trug ja immer die schweren Sachen.
Teller, Muscheln, Kristallgläser, alles hatte Zettel mit Mutters Schrift. Sie war davon überzeugt, dass sie eher sterben würde als er, und bereitete das Haus darauf vor, dass er sich mit jedem Gegenstand neu verbünden könnte auch ohne sie. Alles hielt sie für ihn fest, selbst in den vielen Jahren, die sie Vater überlebte, sie beschriftete, beschrieb, teilte mit, eröffnete ihm, was sie gesehen hatte, seine unermüdliche Archivarin.

Im Krieg hatte sie ihm das Skifahren beigebracht. Ihr war es fast angeboren. Für ihn war es neu. Er schwankte auf seinen Schneebrettern, freute sich, wenn er ein Stück dahinglitt, fluchte, wenn er hinfiel. Der Herr Unteroffizier. Fallen war unter seiner Würde.
Weil sie fest auf ihren Schneeschuhen stand, hob sie ihn jedes Mal wie einen Verwundeten auf, strich ihm die Haare aus der Stirn, klopfte den Schnee von seiner Jacke und schob ihn wieder an.
Er fiel alle zwei Meter. Ich bin nicht allzu sportlich, sagte er und lachte. Sie streckte ihm die Arme entgegen, er zog sich an ihr hoch, gab ihr einen Kuss auf die Wange. An seinem Blick konnte sie ablesen, wohin der nächste Kuss zielen würde.
Jetzt ist Schluss, rief sie, jetzt fällst du nicht mehr!

Sie kannten sich, seit sie sich schrieben. Nun kam der ganze Mensch hinzu. Meine Mutter sah den Stolz ihres Brieffreundes, das Bedachte seiner Hände, die Kraft in seinem Gang, das Draufgängerische, Ehrliche und Ungehaltene in seinen Augen.
Er war kein Schmeichler. Er würde keinen Hut tragen nur aus Konvention. Er würde sich in der Waschküche waschen, das Wasser aus seinen Händen trinken und sich mit den Händen über den Nacken schütten.
Mein Vater sah, dass meine Mutter schön war, ihre Haare dunkel, die Augen hell, dass sie gern lachte, fest auf ihren Skiern stand, er sah die Abenteuerlust, die unter ihren Gesten wartete, Spitzbübisches, Ungezähmtes.
Zeig‘ mir euer Haus, sagte er, als sie vom ersten Schneeausflug zurückkamen. Vom Leben im Haus hatte sie ihm oft geschrie­ben, vom Handwerk, Geschwisterfamilien, einer Kammer zu Ehren der Mutter. In Claras Zimmer zeigte das Fenster zum Hof, zu Werkstätten, Stallungen und Gemüsebeeten. Unter dem Fenster stand ihr Schreibtisch, im Winkel dazu die Chaiselongue, das Bücherbord, das Klavier.
Am Schluss der Führung nahm Clara ihren Unteroffizier mit in die Waschküche. Der Ort ist gut, sagte er. Da werde ich mich frisch machen! Da störe ich euch nicht.
Er wirbelte sein Briefmädchen zwischen Waschkesseln und Zinkwannen hin und her. Sie wehrte sich nicht. Im Feldlager, sagte er, hab‘ ich täglich auf deine Post gewartet. Und jetzt sehe ich dich! Kann dich fühlen, hören, riechen! Und ich weiß, wie du wohnst! Wo ich vor dem Krieg Lehrer war, ist das Land flach. Wie bei euch gehören Tiere und Äcker zu jedem Haus. Ich mag das.
Ich auch, sagte sie. Aber nicht hier.
Beide senkten die Köpfe und sahen die Bilder, in die sie sich in ihren Briefen versponnen hatten, eine kleine Farm, irgendwo in Afrika, ihr Tanja-Blixen-Traum, auswandern, ja, weg vom Krieg, weit weg. Paul legte den Arm um Claras Schulter.
Ihr Vater und mein zukünftiger Vater verstanden sich.
Die Männer erhitzten sich über den Krieg, der ihrer Meinung nach lange verloren war und nie hätte stattfinden dürfen. Paul lenkte das Thema auf seine Kompanie, die sich in der Nähe auf den Feldzug nach Osten vorbereitete. Es dauert schon Monate, sagte er, für mich ein unnützes Warten, ich lerne jetzt Russisch. Ja, nickte der Alte, und man spürte, was er von der Unausweichlichkeit des Krieges wusste.