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Verlore Wasser

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Verloren Wasser

Erzählungen

ISBN 978-3-943446-34-0
Preis: € 12,-
112 Seiten
Edition Contra-Bass

Autorin:

Annette Wenner, geboren 1955 in Düsseldorf, studierte Religionswissenschaft,
Philosophie und Erziehungswissenschaft in Berlin.
Sie arbeitet mit Grundschulkindern und ist als Dozentin in der Erwachsenenbildung tätig.
Seit 2007 veröffentlicht sie Lyrik in Anthologien.
Ihr erster Gedichtband Im Mantelsaum der Zeit erschien 2011,
die Erzählung Frühe Täuschungen 2013.

Annette Wenner, die von der Lyrik her kommt, hält ihre drei Erzählungen in einem schwebenden Ton, in dem sich augenblicksweise Tiefen auftun.
Ein mit seiner Mutter in einem kleinen südfranzösischen Dorf Heranwachsender
erklärt die Feindseligkeiten und frühen Verletzungen zu einem globalen Komplott, gegen das er sich mit seinem Malen und Schreiben zu widersetzen versucht.
Ein Kind, von den Eltern bei der Großmutter im Tessin abgegeben, entdeckt die Schrecken im vermeintlichen Paradies und in sich selbst die große Wut.
Ein Sterbender will seine letzte Botschaft an seine frühere Geliebte weitergeben, sie kann die Satzfetzen nur verstehen, indem sie die Fährten seines Lebens aufhebt.

Leseprobe:

Er war ein in die Waldeinsamkeit Gehender, Ludwig, ein groß- gewachsener, kräftig gebauter Junge, freundlich, zutraulich und verschlossen zugleich, den Vera zuletzt getroffen hatte, als er sechzehn war. Der Mann, der ihr nun entgegentrat, unsicher lächelnd, war ein anderer geworden. Einer, der wieder und wieder das Dorf durchqueren musste, wo sie ihm mit ihren Blicken folgten.

Vierzehn Jahre war Ludwig gewesen, als ihm das Dorf gewissermaßen zugeteilt worden war: Martha, seine Mutter, hatte entschieden, hierher zu ziehen, nach Südfrankreich, in die Région Languedoc-Roussillon, unweit von Perpignan, mit den zwei jüngeren Brüdern, der kleinen Schwester und ihm, dem Ältesten. Ein Aufbruch nach Süden, ein Neuanfang, zwei Scheidungen im Rücken – eine zupackende Frau, die weiß, was sie will, ein paar französische Redewendungen im Gepäck, das musste reichen. Bald schon hatte Ludwig sie überholt; wenn nötig, übersetzte er. Zusammen mit den Brüdern erkundete er das Dorf, peu à peu, wie man es hier tut als Kind, als Jugendlicher, avec des copains, durch die Gassen, hinaus, hinunter zum Bach. Die drei Musketiere, bemerkte er schelmisch, mit einem Seitenblick zu Vera. Er lachte sein kehliges, wenig heiteres Lachen.
Ein wenig schwerfällig, ja zögerlich war sein Schritt gewesen, damals schon, als habe er viel mit sich herumzutragen, eine unbestimmte Last; auch war sein Blick wachsamer, selbst zu den Seiten hin, als der seiner Brüder und der anderen Jungen im Dorf. Aber er machte mit, pourtant, ein wenig das Dorf aufmischen, die üblichen bêtises: Sie hatten Kracher in die Lamellen der Fensterläden gesteckt, in die geschlossenen, abends, wenn sie durch die Gassen huschten. Wie das knallte, wenn die Fensterscheibe barst, man konnte es um drei Haus-ecken hören. Oder in die Briefkästen. Schallverstärkung. Oder ein hübsches Paket schnüren für den Feind: merde, in Zeitungspapier gewickelt, vor die Haustür gelegt, anzünden, klingeln, wegrennen.
Jeden Morgen stieg Ludwig in den Schulbus, der vor dem Haus hielt, am Dreispitz der Dorfkreuzung, zusammen mit seinen Brüdern. Er hatte aufgepasst in der Schule, er war in ihre Schule gegangen, in eine Schule voller Unfreiheit: Für die Schülerzeitung hatte er Artikel dagegen verfasst, die hatten sie ihm um die Ohren gehauen. Vive la liberté! Es kam vor, dass er schon vor der Schule geraucht hatte, fumer de l’herbe. Irgendwann wollten sie ihn nicht mehr, er war anstrengend geworden. Was wussten sie schon von ihm? Hatte er einen ihrer Sätze aufgeschnappt, konnte er sich den Rest ersparen: Wir haben dich nicht gerufen. Le petit boche, sagte er zu Vera. Immer noch besser als ein Araber.
Zudem spielte er nicht Fußball, weder in der Schüler-mannschaft noch mit den Dorfkindern, ein weiteres, verschärftes Risiko für einen Heranwachsenden. Geschichte hin-gegen, l’histoire, packte ihn, und im Gegensatz zum augen-scheinlichen Desinteresse der meisten seiner camarades de classe interessierten ihn von Beginn an die Jahreszahlen der Kriege, der großen Gefechte, und schließlich die Machenschaften der politischen Machtzentren. Da war nichts oder alles Zufall, soviel war klar. Also eher nichts. Er hatte den Jahreszahlen mehr Augenmerk gewidmet als die meisten seiner Mitschüler. Nach und nach begann er zu begreifen, wie sie sich mit den Begebenheiten verknüpft hatten, wie larvenhaft eine aus der anderen hervorgekrochen war und diese aus der vorangegangenen und so fort, im Kriechgang der Geschichte, aus den Hüllen der Jahrzehnte, Jahrhunderte. Nach der Schule zeichnete er die Jahreszahlen auf, mit einem Graphitstift, gegen Abend, wenn seine Mutter vor dem Fernseher ein Nickerchen hielt oder bereits unten im Restaurant Vorbereitungen traf. Er trug sie in ein Netz ein: Kunstvoll versponnen zogen sich die feinen Linien und Notizen über Blätter aus weißem Papier, aneinander geheftet, ausgelegt auf dem Boden oder an die Wände genagelt, bestückt mit erdumspannenden Kata-strophen, siegreichen oder von Beginn an aussichtlosen Kriegen, bösartigen Intrigen, Machenschaften, eingespannt in ein Gitterwerk aus Jahrhunderten. Manche Lichteinfälle machten ihn glücklich. Noch hatte er Hoffnung, sein Leben könnte gelingen. Die Bachläufe logen nicht. Die Vögel fanden ihre Nistplätze im Frühjahr wieder.
Was kann einem Jungen Heimat werden, einem wie ihm? In den lauen Sommernächten saß er mit den arabischen Jungs auf der Bank an der Dorfkreuzung, kiffte und lachte mit ihnen.