→ Der Voyeur

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Der Voyeur ist ein Mensch, der die Welt mit den Augen aufnimmt, einer der schweigt und zuschaut, neugierig ist, sich nicht traut, dazu zu gehören oder selber aktiv zu werden, der seine Lust versteckt und allenfalls im Verborgenen lebt.

Gerd Stange erzählt die Geschichte von Karlchen, der im Gefängnis sitzt und versuchen will zu verstehen, wie er dorthin geraten ist. Karlchen ist in den letzten Bombennächten des zweiten Weltkrieges geboren, in den Nachkriegsjahren spielt er in den Trümmern der verwüsteten Stadt Hamburg und wächst in den prüden und bigotten, noch vom Faschismus gezeichneten 50er Jahren auf. Das Aufwachen beginnt mit der Studentenrevolte 1967 und der anti-autoritären, alles in Frage stellenden politischen Folgebewegung.

Eva, eine junge Studentin, ist die erste Frau, die er wagt zu lieben und nicht nur zu betrachten. Aber Karlchen erlebt, dass Befreiung mehr als eine Frage des Intellekts ist. Sein Körper, seine Sexualität und Liebesfähigkeit, auch sein Wunsch nach Identität als Mann bleiben gefangen in den Leistungsdevisen, Tabus und Zweideutigkeiten, die er aufgesogen hat.

ISBN 978-3-943446-07-4
182 Seiten
17.90 €

Erscheinungsdatum ist der 15.11.2012

 

Leseprobe

Das Leben in der Zelle ist für ihn, der die Welt mit den Augen beobachtet, bevor er sich in sie hineinwagt, eine Folter, vor der er sich nur durch seine inneren Bilder schützen kann. Alle Sinneswahrnehmungen sind eingeschränkt, aber am stärksten leidet er unter der Verkümmerung des Blicks. Das kleine Fensterquadrat mit dem Kreuz der Gitterstäbe, ein winziger Ausschnitt vom Himmel, der sich im Lauf der Sonne verändert. Und die Armseligkeit der Zelle, die ihn zornig macht. Er fragt sich, wie Van Gogh davon absehen konnte, als er hinter vergitterten Fenstern in der Anstaltszelle saß und so ausdrucksstarke Bilder malte. Man empfindet die Eisenstäbe nicht auf den Bildern des Malers.

Er schließt resigniert die Augen und sieht das Quadrat des Schlafzimmerfensters in seinem Elternhaus. Wenn er sich abends die Zähne putzte, musste er durch das elterliche Schlafzimmer gehen, weil dahinter das gemeinsame Bad lag. Eine Badewanne mit Gasofen, ein Klo mit Spülkasten unter der Decke und ein Waschbecken. Die Kacheln waren beige. Alles war klein und eng in diesem Haus, die Küche hatte kaum Platz für einen Tisch, man bekam von allen alles mit, Intimität war selten vorhanden. Am unangenehmsten war es morgens, weil sein Vater Karl sich als erstes laut schnäuzte, dann aufs Klo ging und eine Zigarette rauchte, um den Geruch zu überdecken. Diese morgendliche Mischung erzeugte Übelkeit.

Wenn seine Eltern abends ausgingen, konnte er am Fenster ihres Schlafzimmers stehen bleiben, bevor er sein Bett aufsuchte, das unmittelbar vor ihrer Tür stand. Er beobachtete das Fenster gegenüber, durch zwei Vorgärten und die Strasse waren die Häuser voneinander getrennt, auf Sichtweite. Drüben wohnte ein Vorarbeiter aus dem Hafen, Talli-Mann nannten sie ihn, mit Frau und halbwüchsiger Tochter. Es waren einfache Menschen, der Mann war ursprünglich Packer, jahrelang hatte er morgens früh im Radio die speziellen Nachrichten gehört, in denen angesagt wurde, wie viele Hafenarbeiter den Tag gebraucht wurden, dann war er losgejagt, wenn es aussichtsreich genug schien. Vor einigen Jahren kam der Aufstieg, er wurde zum Vorarbeiter befördert, der das Stückgut kontrolliert, ein Zählmann, im Hamburger Missingsch ein Tallimann. Seitdem verdiente er gut und hatte eine Etage auf den Nachkriegsbungalow gestockt, in der seine Tochter ihr eigenes Reich bekam. Manchmal vergaß sie, die Vorhänge rechtzeitig zu schließen, so konnte Karlchen ihr beim Ausziehen zuschauen. Falls die Eltern nicht zuhause waren.