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Lucien Vassal : Fluchtpunkt Marseille

Roman
Aus welchen Gründen sind Familien gezwungen, von einem Tag auf den anderen ihr Dorf, ihre Angehörigen, alles was ihr Leben bisher ausmachte aufzugeben? Warum müssen Teopista mit ihren vier Kindern Italien verlassen, Maria Conceptiòn Andalusien, Mariam Armenien, Smaël und Malika Algerien?
Anfang des 21. Jahrhunderts kommt eine typische Marseiller Familie, die aus allen Himmelsrichtungen stammt, zusammen, um die eiserne Hochzeit der betagten Eltern Georgette und Paul zu feiern. Als junge Leute mussten auch sie fliehen, weil die deutsche Besatzung 1943 das alte Hafenviertel zerstörte. Lucien Vassal zeichnet die Wege der Flucht und des Leidens sowie die Ankunft in Marseille nach und entwirft damit ein Kaleidoskop nicht nur der Geschichte von Marseille, sondern der Kriege und Katastrophen des 20. Jahrhunderts und deren Auswirkungen auf die kleinen Leute.

Lucien Vassal (geb. 1937) war Physiklehrer und einige Jahre politisch verantwortlich für die Nordviertel von Marseille. Er schreibt in allen seinen Romanen Geschichte von unten, aus der Stadt, in der seine Familie seit fünf Generationen lebt. Mit Leidenschaft verwandelt er die Geschichte Marseilles in Geschichten, die literarisch sein Leben verarbeiten wie in dem Roman Enzella, der auf Deutsch in der Edition Contra-Bass veröffentlicht wurde und die Zeit der deutschen Besetzung bis zur Befreiung beschreibt. Eine große Hilfe ist ihm dabei das phänomenale Gedächtnis seines Vaters gewesen.
Fluchtpunkt Marseille ist sein sechster Roman und wurde in Frankreich wieder prämiert. In diesem Buch ist es seine eigene Familie, deren Spuren er folgt.

Übersetzer
Gerd Stange von der Edition Contra-Bass.

Roman
ISBN 978-3-943446-37-1
Preis: € 16,–
240 Seiten
Edition Contra-Bass UG Hamburg

Leseprobe
Ein Schild „Sportlicher und rhythmischer Tanz – Fitnesszentrum“ am Anfang der Route de la Gavotte mitten im Viertel Saint-Antoine, dem letzten Stadtteil bevor man Marseille Richtung Norden verlässt. Ein sehr hübsches, schlankes Mädchen im Gymnastikanzug. Ihr Gesicht umrahmt von schwarzen Haaren, die großen Augen braun mit grünem Schimmer. Nah bei ihr ein junger Mann, der sich mit schweren, gusseisernen Gewichten plagt. Blicke begegnen sich. „Ich heiße Yannick.“ – „Ich Lila.“
Ein Jahr später vor dem Bürgermeister: „Fräulein Lila Zidane, stimmen Sie zu, den hier anwesenden Yannick Pellet zum Ehemann zu nehmen?“ – „Herr Yannick Pellet…“ Gleichzeitig in einem Atemzug zwei Ja. Ein wenig später: „Fräulein Sandra Agoudjil, stimmen Sie zu, den hier anwesenden David Vassal zum Ehemann zu nehmen?“ Die Kinder lassen nicht auf sich warten: Lohenna, Jorhiam, Mahétän… Maëli, Naïs, Ethan… Paul neckt seine Frau: „Du, die du in Oran geboren bist, hast du jemals gedacht, dass du eines Tages Urenkel haben würdest, deren Großeltern aus der Kabylei stammen?!“ Sie lächelt ihn an: „Deshalb sind sie so schön!“

Aguemoune. Der Yemma Gouraya legt seinen Schal aus Wolken ab, die am Morgen die Erde mit einigen Schauern erfrischt haben. Die Sonne setzt sich durch, überflutet die ganze Ebene, holt bis ins tiefste Tal hinein die Bergdörfer aus der Dunkelheit, deren Namen für Smaïl seit seiner Kindheit einen besonderen Klang haben. Er kann sie mit geschlossenen Augen aufzählen: Mouzaïa, Tagma, Tlata, Béni Guendouz, Zoubaïa, Djoua… Smaïl und Malika sind erschöpft, aber glücklich, wieder im Dorf zu sein. Sie haben gerade zwei Tage mit den Kindern im Palast von El Mouradia verbracht, auf den Anhöhen von Algier, auf Einladung von Herrn Abdelaziz Bouteflika… dem Präsidenten der Republik. Präsidentenflugzeug von Marseille-Marignane nach Algier, Ehrengeleit hinter Motorradfahrern bis zum Palast mit seinen Säulen und Bögen im maurischen Stil, weiß glitzernd, Wachen in Ganduras, mit Käppis und weißen Handschuhen empfangen sie mit militärischen Ehren unter der grün-weißen Fahne mit rotem Halbmond und Stern. Geselliges Essen mit dem Präsidenten, der ganz locker wirkt und großer Fußball-Liebhaber ist. Dann wieder das Flugzeug: mit einigen Flügelschlägen von Algier nach Bougie-Béjaïa ˗ über die Küstenlandschaft mit der Eisenbahnstrecke wie auf einer gepunkteten Linie wegen der zahlreichen Tunnel, in denen ein Zug verschwindet. Smaïl denkt an einen anderen Zug, den durch die Nacht der Qual, das war… Vor langer Zeit.
Béjaïa-Aguemoune: schwarze Limousinen erwarten die Familie. Yaz wird nach seinen Besuchen für karitative Werke, für die er in der Hauptstadt Patenschaf-ten übernommen hat, mit dem Hubschrauber zu ihnen stoßen. „Wenn du gibst, vergiss es schnell; wenn du bekommst, vergiss es nie“, sagt Smaïl gewöhnlich. Als sie sich dem Dorf nähern, wird die Menge dichter, tausende von Menschen drängen sich hinter Metallgittern. Ein eindrucksvoller Sicherheitsdienst, Polizeisperren ab Tichy: Nur die Glücklichen, die einen offiziellen Ausweis vorzeigen können, haben die Erlaubnis hindurchzugehen. Schließlich Aguemoune: das Haus mit den blauen Fensterläden, zu dem sie nicht gelangen können. Überall Leute, Offizielle, Soldaten, ein Meer von Journalisten bis auf die Bäume und die Dächer… Der Ordnungsdienst nicht mehr Herr der Lage. Yaz hat es schwer, zu seiner Familie zu kommen, weil eine außer sich geratene Menge ihn von allen Seiten bedrängt. Seine Eltern werden angegriffen, misshandelt, Leute stürzen, man trampelt über sie… Malika kann ihre Tränen nicht zurückhalten. Smaïl versucht, sie zu beschützen, wird wütend, genau wie seine Söhne, die sich anstrengen, die am stärksten Überdrehten wegzustoßen.
Sie können kaum länger als eine Stunde im Dorf bleiben. Sie müssen Verstärkung an Gendarmen herbeirufen, um es unter Geschrei der Masse zu verlassen. Nach Tichy kehrt langsam wieder Ruhe ein. Die Limousine beginnt die kurvenreiche Abfahrt nach Béjaïa. Rechts noch die alte Piste, die unter dem Gestrüpp halb verschwunden ist. Smaïl wirkt abwesend. Er bittet den Fahrer, einen Augenblick anzuhalten, steigt aus dem Auto, geht bis zum Rand des Weges, wo einige Ziegen, die sich verirrt haben, versuchen etwas Gras im Geröll zu finden. Sein Blick verliert sich über den Resten der Piste. Er sieht dort einen Jungen, der den Hang hinkend hinauf steigt, mit dem Arm drückt er sich auf einem schlechten Stock hoch und verzieht vor Schmerz bei jedem Schritt das Gesicht. Dicke tropfen rinnen von der Stirn und fließen über sein ganzes Gesicht. Er beginnt zu murmeln: „Nur noch zwanzig Kilometer!“ Er kehrt zur Limousine mit den getönten Scheiben zurück. „Dir tut dein Bein weh, das sieht aus, als ob du humpelst“, sagt Malika beunruhigt. Smaïl, die Augen auf die Piste gerichtet: „Es ist nicht schlimm, ein Schmerz, immer noch die Erinnerung an ihn…“