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Andreas Bahlmann
Amour bleu
Roman

ISBN
978-3-943446-48-7

Preis
€ 16,-

240 Seiten

Edition Contra-Bass

Gottfried lebt Anfang der 1980er Jahre in Paris. Nach der Trennung von seiner großen Liebe versucht er, dem Liebeskummer zu entfliehen, indem er sich in seinem 2 CV, einer Dyane, auf den Weg macht, ohne Ziel durch Frankreich. Doch der Schmerz des Verlustes begleitet ihn und wird nur momentweise durch die Musik aus dem Kassettenrekorder getröstet. Gottfried begegnet unterwegs den verschiedensten, oft bizarren Menschen, und da er offen und neugierig ist, erzählen sie ihm ihre Geschichte. Er reist von der Normandie nach Biarritz und trifft im Waschsalon eines Campingplatzes auf seine neue, große Liebe, Madeleine. Aber Gottfried ist schon einmal geflohen, aus Deutschland, vor seinem gewalttätigen, betrunkenen Vater. Die Erinnerung daran, dass er niemandem Vertrauen schenken darf, quält ihn. Er reist weiter zum Mittelmeer und wieder nach Norden. Die Menschen, denen er begegnet, zeigen ihm, wie sie mit ihrem Unglück umgehen und wie sie sich auf das Glück einer großen Liebe einlassen. Andreas Bahlmanns Reise-Roman durch Frankreich ist witzig, schrill, traurig und anrührend, und wird mit multiplen Rock- und Pop-Klängen untermalt.

Leseprobe:

Ich holte tief Luft und fühlte erneute Tränen in mir hochsteigen. Meine Augen brannten, aber ich ging nach vorne und nicht zurück in die Wohnung.
Hinter mir fiel die Tür ins Schloß, und ich stand wie betäubt auf dem Gehweg.
„Guten Abend, Monsieur“, hörte ich von gegenüber eine mir vertraute, freundlich warm klingende Stimme. Mein verschwommener Blick erahnte eine menschliche Silhouette, aber mein Gehör täuschte mich nicht.
Es war Djamal, der Inhaber des kleinen Lebensmittel-Magazins an der Ecke auf der anderen Straßenseite.
Anfang der sechziger Jahre, während der Kriegswirren in Algerien, war er als kleines Kind mit seinen Eltern nach Paris gekommen. Dort galt es zwar auch, gerade für Algerier, harte Lebensbedingungen zu meistern, aber sie waren dort sicherer als in ihrer Heimat, worüber sie sehr froh und dankbar waren. Djamals Vater Faruk ernährte die Familie als Straßen-arbeiter. Sie lebten in sehr beengten Verhältnissen im Pariser Arbeiterviertel Belleville, wo Djamal seine Kindheit und Schul-zeit verbrachte. Er war das jüngste von fünf Kindern. Sie teilten sich mit acht Personen eine Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung, und seine Mutter Rana kümmerte sich liebevoll um die Kinder und lachte viel mit ihnen. Sie waren eine fröhliche Familie. Nachdem er die Schule beendet hatte, arbeitete Djamal, wie sein Vater, als Straßenarbeiter.
Irgendwann, an irgendeiner Straßenbaustelle, als er mit Schaufel und Spitzhacke auf einem Gehweg inmitten aufgestapelter Pflastersteine eine tiefe Grube ausschachtete, lief ihm Azzedine über den Weg.
Es war Liebe auf den ersten Blick.
Als er dann mit Azzedine seine eigene Familie gründete, zogen sie in den Pariser Vorort La Garenne Colombes, weil ihm ein Cousin seines Vaters, der sich zur Ruhe setzen wollte, sein kleines Geschäft zur Übernahme angeboten hatte. Die junge Familie nahm das Angebot dankend an. Das Leben war hier etwas einfacher und beschaulicher, die Wohnungsmiete günstiger und der Straßenverkehr außerdem weniger gefährlich für die Kinder. Djamal fegte, wie jeden Abend und Morgen, den Gehweg und Eingangsbereich vor seinem kleinen Magazin. Das scharf bürstende Geräusch seines Reisig-Besens hallte zwischen den Hauswänden und erfüllte die ansonsten menschenleere Straße. Ich erwiderte seinen Gruß nicht und schaute nur wortlos zu ihm hinüber. So freundlich es mir mein Gemütszustand ermöglichte, winkte ich mit einer fahrigen Handbewegung zurück.
Ich brachte sogar ein kurzes Lächeln zustande und wollte eigentlich stillschweigend weitergehen.
„Hey, Gottfried! Er kann nichts dafür, dass es dir so schlecht geht – er hat dir nichts getan,“ schob es sich in meine trübsinnigen Gedanken und meine vom schlechten Gewissen gesteuerte Höflichkeit drängte mich mit schweren, schlurfenden Schritten hinüber auf die andere Straßenseite, zu Djamal. Sein Geschäft lag ebenerdig in einem Eckhaus an der Einmündung zur Rue Colbert, schräg gegenüber von meinem Hauseingang. Das war sehr komfortabel, denn ich brauchte immer nur über die Straße zu fallen, wenn ich etwas benötigte.
Djamal kannte fast jeden im Viertel, und seine immer freundliche Art war beliebt. Sein kleiner Laden war ein steter Treff-punkt lebhaft miteinander plaudernder Anwohner der näheren Umgebung, die dann in kleinen oder manchmal auch größeren Gruppen vor oder in seinem Geschäft zusammen standen und den neuesten Tratsch aus Nachbarschaft und Weltpolitik austauschten. Vom frühen Morgen bis manchmal sogar tief in die Nacht traf man ihn in seinem kleinen Laden an der Straßenecke an, und er war immer freundlich, immer gut gelaunt und offen für einen kleinen Plausch.
Nie beklagte er sich und nie erlebte ich ihn krank.
Seiner Familie galt seine ganze Liebe.
Sein kleines Geschäft war sein ganzer Stolz, für das er hart arbeitete, um seine Familie ernähren zu können. Wenn er neue Waren für seinen Laden besorgte oder andere Dinge zu erledigen hatte, vertrat ihn Azzedine. Die beiden hatten zusammen vier Kinder im Alter von vier bis neun Jahren, alles Mädchen.
Azzedine war eine bildschöne Frau, in deren Gesicht sich allmählich der anstrengende Familien-Alltag einzugraben begonnen hatte. Sie blieb dennoch bildschön. Im Gegensatz zu vielen ihrer weiblichen Landsleute band sie sich kein Kopftuch um, es sei denn, das Wetter war kalt oder es regnete. Sie trug ihre langen, fast tiefblau schimmernden schwarzen Haare meistens offen und mit anmutigem Stolz. Nach Schulschluss alberten ihre vier Töchter fröhlich lachend und spielend im Laden oder auf dem Bürgersteig vor dem Geschäft herum. Azzedine und Djamal ermahnten sie ab und an kopfschüttelnd und liebevoll lächelnd, aber auch zur Mäßigung, wenn es etwas zu wild wurde. Manchmal, wenn sie sich unbeobachtet wähnten, tauschten sie kleine, liebevolle Zärtlichkeiten aus, streichelten einander sanft über die Wangen oder gaben sich auch mal verstohlen ein Küsschen. In der Herkunfts-Kultur ihrer Eltern war so etwas in der Öffentlichkeit verpönt, aber man lebte ja in Frankreich, in Paris, in der Stadt der Liebe.
Ich betrat das kleine Magazin. Djamal hielt mit dem Fegen inne, lehnte seinen Besen an eine der ausgestellten Obst- und Gemüsekisten, folgte mir und trat hinter seinen Verkaufstresen. Nach all den Jahren war selbst in diesem kleinen Schritt noch keine gedankenlose Routine erkennbar. Djamal zelebrierte dieses Einnehmen seines Platzes immer noch mit sichtlich ungebrochenem Genuss, und diese Freude übertrug er in einer unaufdringlichen Art und Weise überall im Verkaufsraum und auf die Kundschaft. Man kaufte einfach gerne bei ihm ein, auch, wenn es bei ihm etwas teurer als im Supermarkt war, der sich ein paar Straßen weiter befand. Aber dafür fand hier das Leben statt, und das konnte man für keinen Preis der Welt kaufen.
„Haben Sie die Musik so laut gehört, Monsieur Gottfried?“ fragte mich Djamal. Ich nickte nur bejahend.
„Ich mag dieses Lied, Monsieur Gottfried. Es ist schön, eine schöne Melodie.“ Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet! Ich war überrascht, denn mit keiner Silbe erwähnte er die brutal hohe Lautstärke, die mindestens straßenbeschallend gewesen sein musste,… kein Wort der Beschwerde,…nichts dergleichen.
Djamals innere Ruhe und sein Lebensglück waren beneidens-wert, weil es ihm trotz der täglichen harten Arbeit eine solche Gelassenheit bescherte. Ich mochte ihn vorher auch schon, aber jetzt erst richtig.
„Monsieur Djamal…, “ begann ich zögerlich, „… wir kennen uns doch schon eine ganze Weile…, wollen wir nicht ‚Du‘ zu einander sagen?“
Djamal lächelte und reichte mir zur Antwort die Hand: „Gern!“ Mit einem herzlichen Händedruck besiegelten wir das „Du“.
Dann deutete ich auf die Zigaretten im Regal hinter ihm, und er gab mir eine kleine Schachtel französischer, filterloser Gauloises und eine Packung Streichhölzer. Er sah mich mit einem leicht verwunderten Gesichtsausdruck an: „ Was ist mit dir? Du hast doch noch nie Zigaretten bei mir gekauft. Es geht dir nicht gut, nicht wahr?“
„ Leider nein“, entgegnete ich matt.
„ Was fehlt dir denn? Bist du etwa krank?“
„Die Liebe, sie fehlt mir…“ sagte ich und sah ihn traurig an.
Djamal musterte mich mit einem Blick der Anteilnahme und sagte nur:
„…Isabelle…?“
„Ja…,“ nickte ich und kämpfte gegen erneut aufsteigende Tränen an.
Ohne weitere Worte zu wechseln legte ich ihm das Geld für die Zigaretten auf den kleinen Tresen. Er öffnete eine Schublade unter dem Tisch, und die Münzen fielen klackernd hinein. Beim Verlassen seines Geschäfts drehte ich mich noch einmal zum Abschied um, und Djamal wünschte mir mit einem aufmunternden Lächeln alles Gute. Ich lächelte zurück.
Draußen folgte ich der Rue Pierre Brossolette, die entlang der Bahngleise verlief. Ich schaute nach oben und sah mein Zimmerfenster. Gleichgültig stellte ich fest, dass drinnen noch das Licht brannte und ein Fensterflügel nur angelehnt war. Ich wohnte im vierten Stock und zu holen gab es bei mir nichts, außerdem war es mir egal.
Ich nahm eine Zigarette aus dem Päckchen, steckte sie an und inhalierte tief. Der harte Rauch brannte in meiner Lunge. Ich unterdrückte reflexartig einen starken Hustenreiz, der alles nur noch verschlimmert hätte. In meinem Mund und Rachen breitete sich ein Geschmack aus, als hätte ich in einen verkokelten Balken gebissen.
Aber ich rauchte tapfer weiter.
Die Sehnsucht zerfraß mir bereits mein Herz, als Zugabe fühlte ich mich jetzt auch noch wie innerlich ausgeräuchert.
Alles um mich herum, mein Dasein, geschah wie ferngesteuert. Ich wurde gegangen, vorbei an der kleinen Bäckerei und dem Friseur-Laden, dann wurde ich die Straße überquert, die Eisen-bahnbrücke wurde mühsam bezwungen, und der Bahnsteig 2 landete unter meinen Füßen, wo man die Bahn in die City von Paris besteigen konnte.
Der Bahnhof lag in bequemer Sichtweite unter meinem Wohnungsfenster. Die rumpelnden Züge und mich trennten nur vier Stockwerke mit knarrenden Holztreppen und wenige Straßenmeter Fußweg.
Das quietschende Bremsen der einfahrenden, das laute Dröhnen der abfahrenden Vorstadtzüge und RER-Bahnen war tagsüber alle paar Minuten zu hören, abends weniger. Nachts zwischen halb drei und vier Uhr ruhte der Bahnhof der Pariser Vorstadt „La Garenne Colombes“.
Mich störten die Züge nie, ganz im Gegenteil.
Ich mochte diesen Teil meines neuen Lebens, besonders wenn es dunkel war und jedes Geräusch wichtig wurde, weil es sich nicht mehr mit dem Tageslärm vermischte. Die zischend öffnenden Türen, die bedachtsamen oder stolpernden Schritte der aussteigenden Nachtschwärmer, das Klacken der Absätze, das Reißen eines Streichholzes oder Klicken eines Feuerzeuges, welches die eigene Ankunft oder das Weiterfahren des Zuges mit dem Anzünden einer Zigarette quittiert. Die schabenden Schritte auf den Treppenstufen der Eisenbahnbrücke, das Bel-len eines Hundes irgendwo in der Ferne oder das Miauen einer Katze im Hinterhof um die Ecke… ich liebte diese geräuschvolle Kulisse des Lebens.
Nach einer gefühlten Ewigkeit näherte sich ratternd die RER-Bahn. Eine Ewigkeit voller schwermütiger Gedanken, die nicht aus dem Herz entweichen wollten, zu sehr zerrte in mir die Liebe nach Isabelle.