→ Wahrheit oder Wagnis

Wahrheit oder Wagnis, Anja Manz, contra-bass, verlag

Anja Manz beschreibt in ihrem Roman, wie die Folgen des Krieges auch eine Kindheit in den 70er Jahren noch behindert und die ersten Liebesbeziehungen beeinflusst.

Nelly ist 15 Jahre alt, als sie sich in einem heißen Sommer Mitte der 70er Jahre verliebt. Doch sie kann sich nicht entscheiden zwischen dem starken Karl und seinem Geige spielenden Freund Stephan. Es ist auch der Sommer, in dem Nelly verhindern möchte, dass ihre durch Krieg und Flucht traumatisierte Mutter gänzlich den Halt verliert.
Als die Oma, von der sie bislang Stabilität und Geborgenheit erhielt, sich auf Liebespfade begibt, entschließt Nelly sich, die Familie zu retten, indem sie den in Russland verschollenen Onkel sucht.
Bei den vom Krieg gezeichneten, gescheiterten Existenzen, die in den Baracken am Ortsrand leben, erfährt sie die Furcht der Mutter vor den „Männern, die wie Tiere sind“. Es gelingt ihr jedoch, die Angst zu überwinden und bei ihnen Unterstützung zu finden. Von den Männern lernt sie, wie hoch der Preis der Wahrheit sein kann, zu der es jedoch keine Alternative gibt.
In einer Rahmenerzählung führt uns die Autorin zur erwachsenen Nelly, die auf die beiden Männer trifft, die sie einst liebte. Als sie bei einer Bootsfahrt „Wahrheit oder Wagnis“ spielen, erfahren sie voneinander, was jener Sommer bis heute bewirkt hat.

Roman
ISBN 978-3-943446-21-0
248 Seiten
€ 16,90

 

Leseprobe

Er löste seinen Griff so plötzlich, dass ich fast über einen Stein gestolpert wäre. Unbeirrt stapfte er davon, Blickrichtung stur geradeaus. Ich hatte Mühe, auf dem sandigen Boden hinterher zu kommen und dabei sein gepresstes Gemurmel zu verstehen:
„Ja, ich geb´s zu: Auch ich heule manchmal auf irgendeinem verdammten Hochsitz, aber ich gehe raus, ich tue was dagegen. Deswegen will ich Förster werden. Deswegen, weil es nichts Besseres gibt, als hier draußen zu sein, herum zu rennen, nichts Besseres, um den ganzen Mist zu vergessen.“
Er stieg mit einem großen Schritt über einen Weidezaun: „Man darf sich nicht kleinkriegen lassen, verstehst du das, Nelly?“ Dann drückte er den Draht für mich mit der Hand hinunter: „Von niemandem.“ Ich kletterte darüber, erwiderte dabei den Blick seiner funkelnden Augen.
Von welchem Mist redete er? „Vater, Mutter, Kind, denkst du. Alles in Ordnung. Karl Ehm, Mama Ehm. Papa Ehm. Das schöne Haus. Urlaub am Tegernsee. Alles schön!“
Vor uns erstreckte sich eine Wiese, in deren Mitte eine riesige Eiche stand. Er ging weiter, lief auf den großen Baum zu: „Ich weiß genau, was bei euch los ist. Ich weiß, wie´s dir geht, glaub mir. Es ist schrecklich, ich weiß es. Es ist die Hölle.“ Er drehte sich abrupt um und starrte mich an: „Sie streiten den ganzen Tag, meine Eltern. Sie schreien sich nur an. Seit Jahren, wusstest du das?“ Schimmerten seine Augen etwa feucht? „Manchmal tritt er sie sogar. Fest. Von hinten in den Rücken.“ Er drehte sich um und ging weiter. Ich lief schneller, ihm nach. „Er hat eine andere“, murmelte er, „Sabine heißt sie.“. Ich überholte ihn. Wir waren beim Baum angekommen. Ich stellte mich vor ihn, mit dem Rücken zum Stamm. „Deshalb sind sie am Tegernsee. Mein Onkel ist Anwalt dort. Sie wollen jetzt alles regeln: Wo alles hinkommen soll: das Geld, die Couchgarnitur, der Scheiß-Mercedes, ich …“ Erschrocken streckte ich ihm eine Hand entgegen. Er kam auf mich zu, ignorierte sie, legte stattdessen seine großen Hände um meine Oberarme, presste mich fest an sich. Sein Körper, stark und breit, drängte sich an mich: sein Becken, Hüftknochen, das Harte zwischen seinen Beinen … und die Rinde bohrte sich in meinen Rücken.
Seine Lippen fühlten sich anders an als sonst – nass, gespannt, kalt. Ich spürte seine Zähne, die Hand an meinem Kopf, seine Zunge, die versuchte, den Widerstand meiner Zähne zu brechen, vorzudringen … Ich versuchte ihn abzuschütteln, gab unwillige Geräusche von mir, fühlte den Druck seiner Hände an meinen Armen, wand meinen Kopf hin und her, kämpfte mit dem Fleisch in meinem Mund. Dann von einem Moment auf den anderen ließ er von mir ab, trat einen Schritt zurück.
„Entschuldige“, stammelte er. „Ich wollte doch nicht …“
Er stolperte nach hinten: „Nelly, bitte!“ Er blickte flehend, die Hände hinter seinem Rücken.
Ich lief auf das Feld, stapfte durch den Sand, rannte fast über den Acker und wusste doch, dass er mir nicht folgen würde. „Sie sind stärker. Männer sind immer stärker.“ Ich kroch unter dem Zaun hindurch, trampelte wütend die Brennnesseln im Feldrain hinunter, nicht achtend, ob sie durch meine dünnen Söckchen stachen. „Sie können mit Frauen machen, was sie wollen, selbst die dünnen, schmächtigen Kerle“, hatte Oma gesagt. „Der Hass gibt ihnen Kraft.“ Oma und ihre Horrorerinnerungen.
Nein, ich würde nicht heulen. Ich ging voran, Hand am Oberarm. Karl auf dem Apfelbaum, Karls erster Kuss auf dem Hochsitz, seine Geschichten von den Rehen … „Im Grunde hassen sie uns Frauen. Der Krieg bringt es nur ans Licht.“ Wassertropfen in seinen Wimpern, sein Lachen am Schwimmbeckenrand, seine ausgestreckte Hand. Karl doch nicht! „Rausgeschleppt haben sie die Mädchen, sogar Greisinnen, Kranke, Schwangere – solange sie nur ein Loch zwischen den Beinen hatten.“ Was gingen mich Omas Geschichten an? Gruselmärchen. Alte Zeiten. Heute war alles anders, Karl war anders. Ich zog die Nase hoch, rannte jetzt, nicht zurückschauend auf Karl, der da bestimmt noch herumstand, mir nachstarrte. Ich wollte nur noch fort sein, eingesogen, verschluckt, verwandelt, weggebracht in eine fremde Galaxie, auf einen weißen, sanften Planeten, der mich aufnehmen würde wie ein großes, weiches Federbett. Ich umrundete eine verrostete Egge, kletterte über einen Haufen Autoreifen, dort vorne war es schon, das Wäldchen, in dem ich verschwinden konnte.
„Nimm dich in Acht mit deinen kurzen Röcken, deiner Offenherzigkeit.“ In meinen Ohren dröhnten Omas Worte: „Wenn man das Tier im Mann loslässt, gnade dir Gott..“
Ich lief los, weiter über die Schafsweide. Die Augen gesenkt sprang ich über Maulwurfshügel, über federnden Grasboden. War es sein Blick, der so brannte in meinem Rücken, als hätte er jetzt noch das Recht mir nachzuglotzen, meinen dicken Waden, der doofen Mädchenart zu rennen, dass der Busen hüpfte. Warum hörte dieser Lärm nicht auf in meinem Kopf? „Geschrien hat sie, die Frau Heber, ununterbrochen geschrien wie am Spieß, als wir sie reingeschleppt hatten auf ein Feldbett … und ich hab deiner Mutter die Hände auf die Ohren gepresst.“
Nadelwald, der Boden trocken und weich, voller rötlicher Kiefernnadeln. Nicht denken, nicht mehr das Geschrei hören, immer zwischen den Bäumen hindurch, Lärm aus fernen Zeiten, der mich nichts anging. Ich war im Wald, alleine, ich lauschte dem Knacken der Stöckchen unter meinen Sohlen. Im Schattenblau tanzten Lichtflecken. Ich hörte mein Atmen, das Keuchen, spürte ein Stechen in der Leiste, den dumpfen Schmerz dort, wo seine Daumen sich eingedrückt hatten, und immer hätte ich so weiter rennen wollen. Die Hand in der Seite lief ich einen Hang hinauf, doch die Puste ging mir aus. Japsend stützte ich mich schließlich an einer Kiefer ab. Den Kopf an der Rinde, atmete ich tief ein: Harzduft; Kindheits-, Onkel-Gerhards-, Freiheitsgeruch.
Ich drehte mich um, starrte in den Wald. Schmale, rötliche Stämme wiegten sich im leichten Wind. Keine Spur von Karl. Natürlich. Ich rutschte, Rücken am Stamm, auf die Erde hinab, saß mit angezogenen Knien. Irgendwo gurrten Tauben.