→ Wilhelms langer Schatten

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Gernot hat kaum noch Kontakt mit seinen Eltern. Als seine Mutter Ida ihrem Leben ein Ende setzt, begreift er, dass dieser Tod eine Botschaft enthält. Er begibt sich auf eine Erkundungsreise in die Vergangenheit seiner Familie. Schon seine Urgroßmutter hatte sich bewusst für den Tod entschieden. Ida heiratet Wilhelm im Krieg, sie bewundert seine Begabung für die Literatur. Doch als er aus der Gefangenschaft zurückkehrt, zeigt er, der im Beruf hoch angesehen ist, sich in der Familie als autoritärer Tyrann. Er behandelt Ida entwürdigend, und auch für Gernot und seine Schwester beginnt ein unbegreiflicher Wind zu wehen. Gehorsam, Zwang, Unverständnis, Strafen bestimmen ihre Jugend und wirken bis in spätere Lebenswege nach. Wie sich diese Erbschaft durchbrechen lässt, davon gibt am Ende Gernots kleine Tochter eine leise Ahnung. Wolf Reuter beschreibt einfühlsam und schonungslos die Auswirkungen patriarchaler Macht bis in die heutige Zeit.

Wolf Reuter
ISBN 978-3-943446-40-1
Seitenzahl 264
Preis 17,00 € D/A/CH
Erscheinungsdatum 1.4.2019

Leseprobe

Sie stand mit hochgezogenen Schultern in der Julisonne, gegen Mittag, als das Licht schon so hell und weiß war, dass die Schatten wie schwarze Löcher hinter den Dingen eingestanzt schienen. In ihre gesenkten Augen ging das Bild der Schienen, Schwellen und Schottersteine nicht mehr ein. Sie waren in jenen inneren Raum gerichtet, in dem die Vorstellungen lebendig sind. Da schwebten sie, die danach über sie richten würden. Einer nach dem anderen trat an sie heran. Wilhelm würde schimpfen, ihr Mann so vertraut und fern wie das Ende der Gleise. Die Tochter hatte es schwer mit sich selbst, sie sah die Welt wie in schwarzes Öl getaucht. Hannah, ihre Enkelin hatte das Leben noch vor sich. Aber jetzt schon konnte sie tanzen, so leicht wie ein Blatt im Wind. Ob das Ballett gut für sie war? Hannah war jetzt alt genug, sodass sie ihre Großmutter nicht mehr brauchte. Sie würde ein schöneres Leben haben als sie alle. Der Sohn war lieb zu ihr, war lieber zu ihr als sein Vater zu ihm. Er war, mehr als die anderen, ihr Blut. Seine Frau war tatkräftig. Wie Wilhelm. Auch sie wollte den Ton angeben. Wahrscheinlich ging Gernot deswegen in seinem Beruf auf. Jedenfalls hatte er für seine Mutter keine Zeit.
Alle konnten und wussten viel. Sie nicht. Also ging sie. Wilhelm würde ihr Vorwürfe machen. Selbst einer Toten. Sollte er doch. Er würde fragen, warum. Sollte er doch. Er würde fragen, obwohl er die Antwort schon wusste. Aber er würde sich nicht getrauen, sie einzugestehen, geschweige denn sie auszusprechen. Alle wüssten sie. Hätte er sie getragen, stünde sie nicht hier. Damit würde er weiterleben müssen. Sollte er doch. In dem Haus in ihrem Rücken, in der Stadt in ihrem Rücken. Vor ihr lagen die Gleise.
Der Boden war uneben. Schottersteine, wilde Kamille, langhaariges Gras. Gut, dass sie die flachen Schuhe anhatte. Mit der Linken presste sie die Handtasche an den Bauch und trat vor, Schritt für Schritt, den rechten Arm zur Balance ausgestellt. Sie hörte fernes Zuggeräusch, blickte in die Richtung, ja dort, sie überquerte das zweite Gleis und blickte links zum Beginn des Bahnsteigs, wieder nach rechts, wo der Zug nahte, ging auf das dritte Gleis, dann hörte sie den rauen Hupton, heftig, kurz, wiederholt, Metall quietschte lang und schrill auf Metall. Sie stand, die Schultern hoch, die Augen gesenkt, breitbeinig, den Kopf zur Front der Diesellok halb gedreht, kein Atmen, keine Zeit für die letzte Angst, dann kam der Schlag und das Dunkel nach dem Licht, und auch das Dunkel erlosch.