→ Der raue Gesang

Der raue Gesang, Cornelia Becker, contra-bass, verlag

Philipp, ein junger Mann aus Berlin ohne berufliche Perspektive, entschließt sich nachzuholen, was sein Vater ihm immer versprochen hatte: eine Reise durch Spanien auf den Spuren des Bildhauers Eduardo Chillida. So rau wie das Meer, an dem er die Skulpturen Chillidas findet, ist die Stimme Xenias, in die er sich verliebt und die ihm immer wieder entgleitet, denn sie begeistert sich für die Protestbewegung der Indignados. Philipp will dem Drama seiner Kindheit auf die Spur kommen. Sein Vater war bei einem Flugzeugunglück ums Leben gekommen, und seine Mutter zog mit dem 12-Jährigen nach La Gomera. Die Sprachlosigkeit seiner Mutter, die Feindseligkeit der spanischen Umwelt und seine eigene Verschlossenheit tauchen auf der Reise wieder auf. Durch Chillida lernt Philipp, auf seine Intuition zu hören und Geduld zu haben mit sich selbst, bis er weiß, in welche Richtung seine Wünsche ihn führen. Cornelia Becker gelingt es, die Spanienreise, die Kindheit Philipps in den 80er Jahren auf La Gomera und das Leben Eduardo Chillidas im franquistischen spanischen Baskenland sensibel miteinander zu verflechten. Wie Chillida suchen auch Philipp und Xenia danach, trotz widriger Zeiten dem Weg der eigenen Leidenschaft zu folgen.

Titel
Der raue Gesang

Autorin
Cornelia Becker

Genre
Roman

ISBN
978-3-943446-31-9

Einband
Softcover

Seitenzahl
248

Preis
16,00 € D/A/CH

Erscheinungsdatum
30.6.2017

 

Leseprobe

Als er hochsah, schaukelte eine Möwe über ihm, die Flügel weit ausgebreitet trudelte sie mit dem Wind auf und nieder. Plötzlich ließ sie sich fallen, fing sich laut schreiend kurz vor der Wasseroberfläche ab und flog auf das offene Meer hinaus. Ihre Schreie gellten noch eine Weile in der Bucht nach. Philipp warf ihr einen kreischenden, heiseren Ton hinterher, beobachtete jedoch weiter die Wellen, die mit zunehmender Kraft heran rollten, sich dicht vor dem Riff aufwarfen und brachen, wieder und wieder. Die Pose seiner Angel wirbelte hoch und mit den zurückströmenden Wassermassen senkte sie sich tief in das Wellental hinab. Er griff nach seiner Wasserflasche, die vor ihm am Boden lag, und die Woge, die jetzt unerwartet heftig auf ihn zu preschte, riss ihm die Beine weg, schäumte und gurgelte um ihn herum, nur die ausgezackten Wände des Felsbeckens schützten ihn davor, dass er nicht mit dem zurückflutenden Wasser ins offene Meer hinausgezogen wurde. So schnell er konnte kletterte er über die Steine zurück zum Ufer, aus den Augenwinkeln sah er, wie die Brandung sein Angelgerät und seine Turnschuhe mitriss. Prustend, durchnässt ließ er sich auf den Boden fallen.

Die Sonne trocknete ihn rasch, Salz und Sand spannten die Haut unter seinem Hemd und juckten in den Abschürfungen. Vorsichtig zog er sich hoch und stützte sich auf einen Ellbogen. Weit hinten im Meer tanzte die Spitze seiner Angel auf und ab. Darüber vibrierte der türkisblaue Horizont. Tränen schossen ihm in die Augen, weinend schlug und trat er in den schwarzen Sand und fand keinen Widerstand, wusste nicht wohin mit seinem Zorn, der ihn seit Monaten beherrschte.

Dieser Zorn auf sich selbst und alles, was mit ihm geschehen war. Wie aus einem Schleudersitz war er aus seinem früheren Leben katapultiert worden. Vor wenigen Monaten, drei Tage vor seinem zwölften Geburtstag.

Teil I

1
San Sebastian, Baskenland, 2011

Er trinkt das Bier in einem Zug, durstig, gierig, den Kopf weit in den Nacken gelegt. Kühlt mit dem beschlagenen, fast leeren Glas die Schläfen. Den ganzen Tag ist er durchgefahren, an der französischen Atlantikküste entlang; die Pyrenäen und die spanische Grenze liegen hinter ihm, und nun ist er tatsächlich im Baskenland. Der Kellner bringt ein zweites Glas Bier und verschiedene Tapas: Thunfischkroketten, in Schinken eingerollte Datteln. Arkadengänge verbinden die Häuser, das schräg einfallende Licht fließt an den Gebäuden hinab. Im Windschatten der Bogengewölbe sitzen ein paar alte Männer, die Kragen ihrer Jacken aufgestellt, weiße Haare unter Schirmmützen. Kinder spielen in ihrer Nähe und rennen kreischend um sie herum. Der Wind fährt in Böen in die geschützte Veranda des Lokals, auf der Plaza drückt er die wenigen Pflanzen herunter, scheucht Zeitungspapier, Plastikfetzen vor sich her. Philipp nimmt einen weiteren Schluck und prostet sich selbst zu. Angekommen! In San Sebastian, der ersten Station auf einer Route, die sein Vater vor Jahren mit ihm hatte machen wollen, um Philipp einige Arbeiten des Bildhauers Eduardo Chillida zu zeigen.
Das Lokal ist gut besucht, weil es vor dem Wind geschützt ist, trotzdem ist die Luft abgekühlt, er zieht seine Jacke über. Zwei Spanierinnen – Mutter und Tochter vielleicht – stehen in der Nähe zur Terrasse, unterhalten sich, warten anscheinend auf einen Platz. Philipp versucht sich abzulenken, er konzentriert sich auf die Gespräche und Geräusche von den Nachbartischen, isst von den Tapas, die Kroketten schmecken nach Kreuzkümmel und Zitrone, ungewöhnlich, aber nicht schlecht! Sein Blick kehrt immer wieder zu der jüngeren Frau zurück; sie ist vielleicht Anfang dreißig, hat um ihre widerspenstigen, langen Haare ein breites Band geschlungen. Die Nase leicht gebogen in einem schmalen Gesicht, ein ausgeprägtes Kinn. Ein Gesicht wie aus einem Almodovar-Film. Die beiden Frauen haben jetzt einen Entschluss gefasst, die Jüngere weist auf seinen Tisch, schlängelt sich durch die dicht besetzten Reihen. Im Licht des Lokals erkennt er, dass ihre Haare dunkel und hellbraun gesträhnt sind, Promenadenmischung. Bei ihm angelangt fragt sie auf Deutsch, ob die Stühle noch frei seien? Schaut ihn aus schmalen, fast schwarzen Augen an, die Brauen etwas zusammengezogen, die rechte Iris leicht verrutscht. Sie spricht akzentfrei, doch in ihrem Sprachfluss schwingt die Melodie des Spanischen mit. Philipp ist sofort hellwach. … Ihre Stimme! Dieser raue, erdige Klang. Bevor er antworten kann, winkt sie ihre Begleiterin heran, und schon sitzen sie ihm gegenüber. Wie hat sie erkannt, dass er Deutscher ist? Und ihre deutliche Aussprache, ob sie im Tourismus arbeitet? Die Frauen beachten ihn nicht und führen ihre Unterhaltung halblaut in der spanischen Sprache weiter. Er versteht einige Worte: Familie, Kompromisse … Vor allem die ältere Frau redet auf ihre Begleiterin ein, sie wechselt manchmal, für wenige Worte, ins Baskische. Die Jüngere antwortet nur auf Spanisch, gestikuliert energisch. Um Handgelenk und Hals klimpern mehrfach gewundene Ketten.
Xenia, zischt die Ältere irgendwann, und ihr Gespräch wird lauter. Er versteht jetzt jedes Wort, sie reden über die politischen Unruhen in Madrid und Barcelona. Wenn die andere Frau geht, könnte er Xenia zu einem Glas einladen. Die Tische um sie herum leeren sich langsam, eine intime Situation entsteht. Er lehnt sich zurück, schließt seine müden, brennenden Augen, lauscht ihrer Stimme, heiser und heiter ist sie, manchmal, wenn sie lauter, engagierter wird, verrutscht die Sprachmelodie, als sei sie im Stimmbruch, und wechselt ins Falsett.
Xenia müsse auf sich aufpassen, sagt ihre Begleiterin. Wenn du wieder nach Barcelona gehst … deine armen Eltern … sie haben doch nur dich …
Philipp hat sein drittes Glas schon lange ausgetrunken, es ist ihm unangenehm, dass er alles mitbekommt, er sollte wirklich aufbrechen, ein Zimmer für die Nacht hat er auch noch nicht! Stattdessen bittet er sie um Entschuldigung für seine Einmischung, da er Spanisch spricht, versteht er jedes Wort … Er weiß selbst nicht, was er da tut, seine Zunge ist schwer vom Bier, und was er so leicht daher sagen wollte, kommt ihm plump und gestelzt über die Lippen. Verblüfft starren die beiden Frauen ihn an und schweigen, jegliche Bewegung ist aus ihren Gesichtern gewichen, und er kann er nun eine gewisse Ähnlichkeit erkennen: die schmalen Gesichtszüge, das eigenwillige Kinn. Er blickt über ihre Köpfe hinweg in das blau flackernde Licht in einem gegenüberliegenden Fenster. Die Frauen beginnen beide zu lachen, sehen sich an, schauen dann wieder zu ihm herüber. Er versucht, mit einem schiefen Lächeln zu kontern, was bei ihnen eine weitere Welle von Heiterkeit auslöst.
Sperr doch einfach deine Ohren zu, meine Tante und ich haben etwas zu klären, genieß die Aussicht, sagt Xenia schließlich, und weist mit der rechten Hand irgendwo auf den Platz hinaus. Streicht ihrer Begleiterin beruhigend über den Arm, da diese sie am Sprechen hindern will. Einmal noch schaut sie ihn ironisch lächelnd an, dann ignorieren ihn beide und wenden sich wieder ihren Problemen zu.
Philipp bleibt nichts anderes als der Rückzug. Er ruft den Ober, packt seine Sachen, gerade will er zahlen, da drängelt eine Gruppe Männer und Frauen heran, die offensichtlich zu Xenia gehören. Es sind Deutsche, die Philipp bitten zu bleiben. Schnell schieben sie einige freie Tische aneinander. Ein Mann, hoch gewachsen und blass, ein Halstuch elegant in den Ausschnitt geschlungen, zieht seinen Stuhl zu Xenia heran, beugt sich zu ihr, seine langen, schmalen Händen liegen auf ihrer Rückenlehne. Sie sprechen leise, vertraulich miteinander, sie hat ihre Füße auf die Sitzfläche hochgezogen, die Knie vor ihrem Brustkorb. Die anderen lärmen und albern, kauderwelschend, zwischen deutscher und spanischer Sprache wechselnd, berichten sie Xenias Tante von einem Ausflug an die Küste. Sie bestellen mehrere Karaffen Wein, auch Philipp bekommt ungefragt ein Weinglas, das immer wieder aufgefüllt wird.
Berliner sind sie, und Xenia ist ihre Freundin und Fremdenführerin, erklärt eine Frau neben ihm, die sich gleich darauf als Caroline vorstellt. Xenia schaut auf, nickt herüber, doch sie spricht kein Wort mit ihm, wirft ihrer Tante ein paar Sätze hin und wendet sich wieder ihrem Begleiter zu.
Philipp beneidet ihn um seine Nähe zu ihr. Sie scheint ganz auf ihn konzentriert, dreht ihre Haarspitzen zwischen den Fingern, während sie ihm mit leicht geneigtem Kopf zuhört. Dabei passen sie gar nicht zueinander, denkt Philipp, so steif und wohlerzogen wie der ist! Und sie, die wirren Haare unter einem Band, Nagellack, der an den Spitzen abblättert, die Bluse unter der Sportjacke nachlässig in den dunklen Minirock geschoben, scheinbar ohne Blick in den Spiegel zusammengestellt.
Festa xlaparta, ob er davon gehört habe, wird er von einem Mann gefragt, der sich zu Caroline gesetzt hat. Jorge, sagt der Mann, streckt ihm die Hand entgegen, unter seinem T-Shirt spielen die Muskeln, und er schaut Philipp an.
Nein, davon habe ich noch nichts mitbekommen.
Wirklich nicht? Das darfst du dir nicht entgehen lassen!
Jorge ist Musiker, spielt Schlagzeug und Gitarre. Er spricht ein gebrochenes Deutsch und lispelt etwas. Bis er zehn war, sagt er, hat er in Deutschland gelebt, in Bonn, dann ist der spanische Papa mit der deutschen Mutter nach Spanien zurückgekehrt. Deshalb ist sein Deutsch miserabel. Er muss zuerst die Melodie finden, bestimmte Töne, am besten gelingt ihm dies bei einem Bier oder einer Bratwurst. Jorge grinst und Philipp muss lachen, er bestellt sofort zwei Bier, doch der Sprachrhythmus will sich trotzdem nicht bei Jorge einstellen.
Eschpanische cerveza schmeckt eben nicht so wie das deutsche Bier, sagt er und zuckt lächelnd die Achseln.
Philipp muss los, bevor es dunkel wird. Er hat noch eine wichtige Verabredung heute Abend, erklärt er seinen neuen Bekannten.
Welche Schöne willst du denn noch treffen? Bei dem Wind traut sich doch niemand mehr vor die Haustür! Jorge ist hartnäckig.
Das wird Philipp ihm gern ein anderes Mal erklären, doch jetzt hat er keine Zeit! Sie verabreden sich für den nächsten Tag.
Auch Xenia schaut ihn an, sagt freundlich: Hasta luego, tut mir leid, wenn wir dich vertrieben haben. Wenn du hier deinen Urlaub verbringst, werden wir uns bestimmt wiedersehen.
Er antwortet nicht, nimmt nur noch einmal ihre Gestalt in sich auf, das lebendige Gesicht, die dunklen, schmalen Augen. Ihre Stimme im Ohr, geht er los. Auf der Plaza … – werden wir uns wiedersehen … bestimmt noch einmal …– springt ihn der Wind an, der an der Uferpromenade noch heftiger wird, ihm gegen den Körper schlägt und ins Haar fährt. Die Promenade ist fast menschenleer, die wenigen Gestalten wirken verloren, unter Jacken und Kapuzen versteckt, die Köpfe gesenkt. Der frühe Abend ist grau und grün. Feuchte, kühle Luft legt sich auf seine nackten Arme und Beine. Er leckt die Oberlippe: Salz. Das Salz schmeckt gut. Eisen und Tang-Geruch. Das stetige tiefe Grollen des Meeres. In dem graugrünen Licht wirkt die Landschaft schwebend. Übermächtig ist das allgegenwärtige Tosen von Meer und Wind. Manchmal hört er ein Stöhnen, ein Kreischen, doch er kann nicht ausmachen, woher es kommt. Er lehnt sich gegen die starken Windstöße, die von allen Seiten angreifen. Der Weg macht eine letzte Biegung, er richtet sich auf und hat jetzt die Skulpturen vor sich, die Windkämme von Eduardo Chillida. Die gebogenen Zangen der drei Stahlformen ragen rostig aus den Felsvorsprüngen auf. Zwei stehen einander gegenüber, während die dritte weit entfernt auf einer Klippe angebracht ist. Jede etwa zwei Meter lang, hoch und breit. Riesige Krallen, die sich vor dem Horizont krümmen. Rost tropft von den Eisenträgern in das grüne Meer, hat die Felsen darunter rot gefärbt. Wolken hängen über ihnen, der Ozean umbrandet sie, schlägt über ihren Spitzen zusammen; gewaltige, um sich selbst drehende Zungen, die weiße Schaumkronen bilden. Vor Philipp öffnet sich ein stufenreicher Platz, auf mehreren Ebenen angelegt, die Flut drängt sich pfeifend darunter, und Fontänen zischen aus verschiedenen Öffnungen meterhoch. Und hier hört er die schreienden, klagenden Stimmen so genau, als wären sie unter dem Plateau gefangen.
Chillida stellt sich den Urkräften entgegen. Eisen kämpft mit Wasser und Wind. Das Eisen, das aus dem Feuer kommt.
Philipps Vater, ein Kunsthistoriker, war von Chillidas Arbeiten besessen. Mit leuchtenden Augen hatte er von den Skulpturen gesprochen, als seien sie lebendige Kreaturen.
Philipps Mutter hatte oft gesagt, dass Philipp noch zu jung sei, um seine Ausführungen zu verstehen. Natürlich hätte er die Erzählungen des Vaters nicht wiedergeben können, nicht in seinen Worten, oft hatte ihm der Kopf davon geschwirrt, er hätte sie niemals so wiederholen können wie die mathematischen Formeln oder die grammatischen Strukturen, die er in der Schule lernte. Aber er hatte das, was der Vater sagte, tief in sich aufgenommen, und jedes Mal das Gefühl, dass dabei etwas Besonderes mit ihm geschah.
Eduardo Chillida. Während andere Jungen Geschichten von Seefahrern und Räubern hörten, ging Philipps Phantasie auf Reisen, wenn sein Vater ihm etwas über den spanischen Bild-hauer erzählte.
Neben einigen Fotos hing eine Landkarte im Arbeitszimmer seines Vaters in ihrer Berliner Wohnung, auf der er die Stationen von Chillidas geplanten und realisierten Skulpturen mit Heftzwecken markiert hatte. Ihre gemeinsame, zukünftige Reiseroute.
Die Peines del Viento, die Windkämme waren mit einem grünen Kopf versehen und sollten die erste Station sein. Aránzazu bekam eine rote Markierung. Auch an die baskischen Namen anderer Werke konnte Philipp sich erinnern: Abesti Gogora, der raue Gesang hatte eine schwarze Farbe, wie ein Notenschlüssel. Mendi Huts, der leere Berg war transparent, wie der Alabaster, den Chillida so lange aushöhlte, bis er durchscheinend wurde. Die Farben der Reißzwecken hatten sich mit den Namen der Skulpturen verbunden.
Abesti Gogora, Mendi Huts, flüstert er, wie fremd das klingt. Und gleichzeitig so vertraut, denn diese Worte waren ja immer Teil der erstaunlichen Geschichten, die sein Vater ihm erzählt hatte.
Und während Philipp seinem Vater zugehört hatte, glaubte er das weißglühende Eisen im Feuer zu sehen, die Hammerschläge zu hören. In seiner Phantasie waren Pferdehorden entstanden, freie, wilde Geschöpfe, die schnaubend, ihre Mähne schüttelnd aus der funkensprühenden Esse hervorgebrochen waren.

2

Es wird dunkel, er findet die kleine Pension in der Altstadt, die ihm von der Gruppe genannt wurde, die Tür ist nicht verschlossen und führt direkt in den Empfangsbereich, ein fensterloser hoher Raum, in der einen Ecke zwei alte Korbstühle, in der anderen Pflanzen. An der gegenüberliegenden Wand ein hoher Tresen, dahinter ist eine Tür geöffnet, durch die er einen Blick erhascht auf den glasüberdachten Innenhof, eine Galerie führt zu beiden Seiten zu den Gasträumen. Gerade überlegt er noch, wie er sich bemerkbar machen kann, da schiebt sich schon jemand in das Halbdunkel herein, knipst eine Stehlampe an. Eine untersetzte, alte Frau sieht ihn aus dicken Gläsern, die ihre Augen grotesk vergrößern, fragend an. Was für ein Wind heute, sagt sie und deutet nach draußen. Über den Brillenrand hinweg lächelt sie blinzelnd. Er spürt, dass sie versucht, ihn einzuordnen, und reicht ihr den geforderten Pass.
Un alemán, murmelt sie. Umständlich schiebt sie die Unterlagen hin und her, bis sie mit ihren Eintragungen beginnt, eifrig, den Kopf tief gesenkt. Er sieht hinab auf ihr schütteres Haar. Die Brille rutscht langsam auf ihre Nasenspitze. Ruhig führt sie sie nach oben, wieder beugt sich ihr Kopf dem Papier entgegen, der Brille hinterher. Schließlich reicht sie ihm Schlüssel und Papiere: Sind Sie unterwegs nach Santiago de Compostela? Kommen ja viele Touristen über den Jakobsweg zu uns.
Einen Moment ist er gewillt zu sagen: Vaterweg, unterlässt es aber. Nein, ich bin wegen Chillida hier, den Windkämmen. Sicher haben sie schon davon gehört, Señora …?
Olano, sagt sie, lächelt ihn wieder an, und diesmal sind alle Muskeln im Gesicht beteiligt, ja, Chillida, sie hat ihn gekannt, alle kannten ihn, war ja einer von ihnen. War doch Torwart im hiesigen Fußballverein. Ihre Brüder haben schon mit ihm gespielt, erzählt sie. Wie sie fluchten, wenn der Ball der gegnerischen Mannschaft in ihr Tor traf und Eduardo fassungslos davor stand – und wie sie jubelten, wenn sie ein Tor geschossen hatten, Goool, und der Wind ihnen die Laute vom Mund abriss. Eduardo sprang auf und ab, stürmte in seine Leute hinein, zog sie mit sich zu Boden: Goool … Sie spricht weiter, über die Brüder, die schon lange nicht mehr spielen, ihr Gol in den Wind werfen, der eine tot, wie Eduardo, der andere mit diversen Zipperlein und dem Aufbessern seiner Rente beschäftigt.
Philipp ist müde, doch er lächelt: Was ist eigentlich damals passiert, warum hat er nicht weiter gespielt? will er wissen.
Sie zögert. Philipp spürt, dass sie nicht mehr bei ihm ist, sie scheint weit zurückzuschauen, Jahrzehnte zurück.
Das kann sie ihm auch nicht sagen, er ist ja dann Bildhauer geworden, hat die Stadt verlassen für viele Jahre. Kam aus einer guten Familie, Mutter Sopranistin, Vater Berufsoffizier, die Großmutter führte zwei große Hotels, das Biarritz und das Nizza. Sie redet weiter über die Familie, spekuliert darüber, dass der Vater sicherlich nicht einverstanden gewesen ist mit Chillidas Entscheidung, Künstler zu werden.
Wo er doch zuerst Architektur studiert hat. Es waren schwierige Zeiten damals… Da hat es doch bestimmt Konflikte gegeben? Ach, ich quatsche zu viel, unterbricht sie sich. Und Sie? Sind bestimmt schon einmal da gewesen? Immerhin, ihr Spanisch …
Da er nicht antwortet, will sie wissen, wie lange er bleiben wird.
Vielleicht zwei, drei Tage, sagt Philipp und ist selbst überrascht.
Señora Olano führt ihn zu seinem Zimmer, wünscht ihm eine gute Nacht. Philipp leert den Inhalt seiner Jackentaschen auf einem winzigen Tisch, wirft sich auf das Bett daneben, döst ein und wird vom Schnarren seines Handys wieder geweckt. Er weiß nicht, wo er ist, es riecht nach Mottenkugeln und Stärke. Blaue Lichtsignale reißen das Zimmer aus seiner Schwärze, im nächsten Moment ist es so dunkel, dass er nicht einmal die Silhouetten der Möbel erkennen kann. Er tastet nach der Lampe am Bett, sieht im Briefkasten seines Mobils nach. Eine SMS von César: Bin angekommen. Wo steckst du?
Er antwortet rasch, dass er unterwegs ist, noch einige Tage, bis er ebenfalls die Inseln erreichen wird. Er schließt wieder die Augen. Wie froh ist er, dass er Césars Einladung angenommen hat. Die klare, kräftige Stimme seines Freundes, mit der er eines seiner Lieblingslieder singt, fällt ihm wieder ein: Que he hecho yo para merecer esto …Womit habe ich das verdient … Er hört ihn singen, als stünde er neben Philipp. Die Musik säße in seinen Muskeln, behauptete César immer, sein Körper erinnere sich an jeden Ton und könne bei keiner Melodie ruhig bleiben. Er müsse tanzen und mitsingen, ganz egal, in welcher Situation, einerlei, ob die Lieder traurig oder fröhlich seien. César, schon im ersten Sommer auf der spanischen Insel La Gomera hatte Phillip sich mit ihm angefreundet. Acht Jahre lang, bis er zwanzig wurde, hatte Philipp dort gelebt. Und der erste Sommer, als sie sich kennenlernten, war der wichtigste gewesen.

3
West-Berlin 1986

Er wusste, warum man die Toten tief in der Erde verscharrte und einen Stein darauf setzte, sie wären sonst überall, im Wasser, in der Luft, herumschwirren wie die Fliegen würden sie. Manche hatte der Tod zerfetzt, und nichts war da, wo es sein sollte.
Wie bei seinem Vater. In einer Kiste kehrte er von seiner Reise nach Südafrika zurück.
Eines Morgens, drei Tage vor Philipps zwölften Geburtstag, saß seine Mutter, klein und zusammengesunken, auf seiner Bettkante. Es muss sehr früh gewesen sein, das Licht war grau, ebenso grau wie das Gesicht seiner Mutter. Erschrocken sah sie ihn an, drückte, knetete seine rechte Hand, verschränkte ihre Finger mit seinen.
Schließlich öffnete sie den Mund: Dein Vater ist tot, stieß sie hervor.
Er verstand das nicht, versuchte zu begreifen und bombardierte sie mit Fragen.
Sie strich ihm über den Kopf: Das Flugzeug … es hat an Höhe verloren und ist dann gegen einen Berg … geprallt.
Gegen einen Berg, wiederholte er ihre Worte, als könnte er damit die Wirklichkeit näher heranholen.
Er bäumte sich auf: Nein, das war ganz unmöglich … Doch dann sah er das Flugzeug, wie ein glänzender, silbriger Magnet wurde es von einem Berg angezogen, der den Himmel ausfüllte. Und es wurde still in ihm, stiller als in den schlimmsten Alpträumen. Gleich werde ich wach, sagte er sich, gleich ist es vorbei. Doch er irrte sich, viele Monate sollte es still in ihm bleiben.
Später hörte er seine Mutter und seine Tante nebenan flüstern: Du musst Philipp zum Sarg bringen, bevor er in die Erde kommt, sagte seine Tante Claire. Das Reden von Gespenstern.
Sie brachten ihn in die Leichenhalle und zeigten auf eine Kiste. Philipp konnte es nicht glauben. Darin sollte sein Vater liegen?
Er verlangte, dass sie den Deckel öffneten. Seine Mutter weinte, und seine Tante erklärte ihm, dass der Sarg nicht mehr geöffnet werden könne, weil das Unglück schon Tage zurücklag. Was wollte sie ihm damit sagen? Dass sein Vater schon zerfallen war? Zerfressen von Würmern? Aber etwas, irgendetwas musste doch übriggeblieben sein von ihm.
Er wurde wütend, schlug seine Tante, und während sie versuchte, ihn festzuhalten, und beruhigend auf ihn einredete, trat er immer wieder gegen ihr Schienbein. In seinem Magen wühlte ein Ungeheuer, das hochstieg, immer höher, bis er schließlich neben den Sarg kotzte. Er konnte nicht aufhören, es würgte in ihm, seine Mutter hielt seinen Kopf und murmelte seinen Namen.
Irgendwann war er erschöpft und hatte begriffen: sein Vater war tot.
Er starrte auf den Sarg, eine hässliche Metallkiste, die Vater nie gefallen hätte. Und plötzlich, als ob ein Lichtschalter angeknipst worden wäre, hatte er eine präzise Vorstellung, sah sein Gesicht, erstaunt lächelnd, genauso wie vor wenigen Tagen, als der Vater sich von ihnen am Flughafen Tempelhof verabschiedet hatte, sich, durch die Schleuse gehend, noch einmal umgeschaut und gewinkt hatte. Nur, dass er jetzt in viele Einzelteile zerrissen war und alle durcheinander in dieser verdammten Kiste lagen. Doch er lächelte immer noch und sah Philipp erstaunt an.
Philipp fragte die beiden Frauen, wo Vaters Kopf sei, und als sie ihm die Stelle zeigten, fragte er noch einmal, ob sie auch sicher wären, denn schließlich hatten sie ja auch nicht hineinsehen dürfen. Sie nickten, und er setzte sich an das Kopfende und streichelte die Kiste.
Nach einer Woche fand er Zeitungsartikel, die seine Mutter ausgeschnitten hatte: Die Sicherheit der Maschine wurde in Frage gestellt, man sprach von einem tragischen Unglück, Aufräumarbeiten, tagelanger Suche nach den Toten. Das Flugzeug war samt Rumpf komplett zerstört worden, durch den Aufprall waren Maschinentrümmer, Blechstücke, Sitze, Gurte, Proviant zusammen mit den zerrissenen Körpern der Toten, ihren verstümmelten Gliedern, Fingern, Füßen in alle Himmelsrichtungen verstreut worden. Eine Perücke wurde zwei Kilometer vom Unfallort entfernt entdeckt. Das fand Philipp seltsam. Einer der Bergungsleute sagte, er stelle sich so die Hölle vor.
Wie hatten sie seinen Vater gefunden? War es überhaupt möglich, alles von ihm einzusammeln? Und wenn, wie hatten sie ihn dann zusammengefügt? Wie viele Tage hatte er dort gelegen? Was war von ihm übrig geblieben?

4
San Sebastian, Baskenland 2011

Philipp ruckt hoch, findet sich in seinem Bett wieder, im Zimmer der Pension, die flüchtig geschlossenen Gardinen lassen erste Lichtstreifen herein. Der Wind rüttelt an den Fensterläden. Er hat stechende Kopfschmerzen vom Alkohol gestern Abend, er stöhnt und dreht sich noch einmal zur Seite, schließt die Augen. Schwindel, ein Gefühl der Desorientierung. Verdammt, er kann nicht mehr schlafen, und während er sich aufrichtet, schrappt er mit der nackten Schulter über den porösen Putz der Wand. Im Kopf flackert der Schmerz auf, er flucht und hält sich die Stirn. Ein verdorbener Tag ist dies, so müde und verkatert wie Philipp ist, eine große Unruhe treibt ihn aus dem Bett, aus der Pension.
Der Wind ist stärker geworden, zaust an seinem Haar, plustert seine Jacke auf. Zu seiner Verwunderung ist das Lokal von gestern Abend noch geschlossen, trotzdem setzt er sich auf eine geschützte Bank gegenüber und wartet, bis es öffnet. Die Balkone über den Arkardengängen sind nummeriert, das hat er gestern Abend nicht gesehen. Er döst in seine Kapuze eingegraben, die Restaurants und Bars sind die Verkehrsknotenpunkte der Stadt, hier zirkulieren die Informationen, die Gespräche. Freundschaften werden geschlossen oder vertieft, Geschäfte besprochen, natürlich alles ohne Verpflichtung und ergebnisoffen. Orte des Zufalls und der Begegnungen, unverbindlich und lose. Der gestrige Abend fällt ihm wieder ein, und damit Xenias krumme Nase, ihre schmalen, schwarzen Augen. Die Gedanken an sie heitern seine Stimmung sofort auf. Er hofft, dass er sie heute Abend wiedersehen wird.
Philipp wühlt im Rucksack, sucht die Karte, die César ihm geschrieben hat: Lieber Philipp. In diesem Sommer will ich nach Gomera, vor drei Jahren war ich das letzte Mal dort, aber ohne dich ist es langweilig. Ja sicher, die primos, die Tanten und Onkel, alle sind dort, wunderbare Menschen, die mich mit Liebe, Einladungen und guten Ratschlägen überschütten. Viele fragen nach dir. Höchste Zeit für ein Wiedersehen, meinst du nicht auch? Im Sommer gibt es so gut wie keine Touristen. Alle Kinder aus dem Ort sind am Strand. Und in den Gassen nur Sonne und Wind. Zeit für eine gemeinsame Bootsfahrt. Unterschrieben hatte er mit: Trauen und Treue … César, sein bester Freund bis heute.
Siebzehn Jahre ist er nicht mehr auf der Insel gewesen. Und César hat er nur einmal vor drei Jahren auf einer Durchreise in Berlin gesehen. Sie hatten einen gemeinsamen Nachmittag, am Abend hatte Philipp arbeiten müssen, um Mitternacht war César weitergeflogen nach Prag. Philipp hat Césars Karte zum richtigen Zeitpunkt erhalten, er hat seine letzten Ersparnisse zusammengekratzt, es wird gerade reichen, er weiß, auf der Insel muss er sich keine Sorgen machen, zumindest nicht um das Geld. Aber vorher will er endlich die vom Vater geplante Reiseroute abfahren.

*
Schichten, Ablagerungen, die nach innen drängen, verwachsen, verhärten, während die Haut immer dünner und durchlässiger wird und man doch nicht aus ihr hinaus kann.

5
Berlin/ Kanarische Inseln, 1986

Philipp und seine Mutter verbrachten die nach dem Unglück folgenden Monate und Ereignisse wie in Trance: Die Beer-digung, die Besuche ihrer Freunde und Verwandten, die Trauer seiner Mutter, und das Schweigen, in das sie sich einkapselte, die vielen Nächte, in denen er mit ihrem leisen Schluchzen ein-schlief. In der Schule sprachen die Lehrer ihn an. Was sollte er ihnen sagen? Die Einladungen der Schulfreunde schlug er aus, er sah ihre Unsicherheit und hasste ihr Mitleid. Schließlich wurde das Schweigen, das sich ausbreitete, wenn er den Raum betrat, lauter als das Geschrei von fünfhundert Kindern auf dem Pausenhof.
Er hatte sich von ihnen zurückgezogen, denn die Sätze und Gesten, die früher ihre Übereinkunft besiegelt hatten, er-reichten ihn jetzt nicht mehr. Als fehle ihm plötzlich der Text zur Melodie. Seine Freunde, mit denen er seit jüngster Kind-heit fast alles geteilt hatte, schienen von fremden Planeten zu stammen, ihre letzten Macdo-Besuche und die neuesten Nin-tendo-Spiele war ihnen am wichtigsten. Er tat nichts mehr für die Schule. Wozu? Und er schwänzte, weil er nicht mehr angeglotzt werden wollte.
Und er gewöhnte sich an das Flüstern, auch etwas Neues in seinem Leben. Seine Mutter, die am Telefon nebenan leise fragte: Hat er diesen Tod gesucht? Seine Tante, die er irgend-wann spät in der Nacht, während Philipp an der Tür lauschte, sagen hörte: Sein Tod entspricht seinem Leben. Dieser Satz erschreckte ihn, – und geisterte in ihm herum, wollte sich nicht niederlassen im Vergessen: Sterben, wie man gelebt hat? Ein geheimnisvoller Satz. Und Tante Claire, die ihm bisher so vertraut erschienen war, wurde zu einer fremden Person, die monströse Geheimnisse kannte.
Schließlich der Umzug.

Schon wenige Wochen nach der Beerdigung hatte seine Mutter begonnen, ihre Berliner Wohnung aufzulösen, stoisch packte sie Karton für Karton, verstaute diese bei Freunden – auf dem Land in einem Schuppen. Immerhin fünf Zimmer voller alter Möbel, Bücher und Vaters Bildern. Seine Mutter sagte: Wir gehen. Weit weg. Auf eine Insel. Wir müssen vergessen. Die Stadt. Das Land. Wir müssen neu anfangen.
Philipp wehrte sich, konnte das nicht akzeptieren: Sein Vater war tot, und seine Mutter tat unverständliche Dinge, hatte ihre Liebe zu ihm anscheinend auf dem Schöneberger Friedhof, an einem eiskalten Tag Anfang Februar, mit dem Sarg seines Vaters zusammen, in die Erde versenkt.
Aller Widerstand half nicht, seine Mutter wollte fort und ver-schanzte sich in ihrem Schweigen.
Philipp konnte entscheiden, was er mitnehmen wollte. Weit weg ist man anders, dachte er, nahm die Landkarte hinter Vaters Schreibtisch ab, die Fotografien mit den Werken von Eduardo Chillida und legte sie in eine große Lackschachtel, zu den Fetzen einer zerrissenen Lithographie. Dann suchte er den blauen Lieblingspulli seines Vaters und packte alles zu seinem Basketball, den Video-Spielen, den Actionfiguren.
Er hatte Schlafstörungen in jener Zeit und verfolgte die Vorbereitungen seiner Mutter mit aufgerissenen Augen, denn sobald er sie schloss, war da diese Vorstellung von abgerissenen Gliedmaßen, sie flogen in den Himmel, flogen über den Berg und sanken langsam nach unten und verpflanzten sich in die Erde. Das Schlimmste war jedoch seine Unfähigkeit, sich an Vaters Stimme zu erinnern. Immer, wenn er an ihn dachte, konnte er die mit ihm erlebten Szenen genau sehen: Philipp fuhr lautlos mit seinem Fahrrad über das Parkett in ihrer Wohnung auf seinen Vater zu, der die Arme ausbreitete und stumm lachte.
Vier Tage und vier Nächte war Philipp mit seiner schweigenden Mutter im Wagen eingesperrt, im Halbprofil sah er ihr vorgeschobenes Kinn, hörte trotz des Motorengeräusches das Knirschen ihrer ständig mahlenden Backenzähne.
Er stellte Fragen, erhielt keine Antworten.
Deutschland, Belgien, Frankreich, Spanien.
Warum sagte sie nichts? Mama, flehte er, und für Momente kam ihre Hand und drückte sein Knie. Er wusste, was das bedeutete: Später, Philipp. Frag nicht weiter. Ich weiß es auch nicht. Später, Philipp, hab Geduld.
Am Abend des vierten Tages erreichten sie Cadiz, und noch in derselben Nacht befanden sie sich auf einer Autofähre zu den kanarischen Inseln.

*
Fremd. Seit sie im Hafen eingelaufen waren, klang alles fremd. Noch hatte er das Brummen der Schiffsmotoren in den Ohren, und schon wurde es vom Lärm der Insel übertönt. Das Geschrei der Möwen, die Brandung, der Wind und die Stimmen der Menschen. Diese Klänge waren laut und grell wie das Licht draußen vor seinem Fenster. Und jeden Morgen mit den ersten Sonnenstrahlen brach der Tumult wieder los; zuerst öffnete die Nachbarin gegenüber mit einem lauten Knall ihre Fensterläden, hustete ausgiebig, und schon fielen die Laute von Menschen und Tieren, Dingen und Maschinen ein. Der Silbo – eine Reihung von durchdringenden, mehrsilbigen Pfeiftönen – klang vom Hafen herüber: Fra-ge. Ant-wort. Es war ein brodelndes, wildes Durcheinander aus Tönen und Geräuschen; sie kletterten rechts den Hügel hinauf, mischten sich mit dem frühen Krähen der Hähne, krochen wieder herunter, näher zu Philipp heran – die knarrende Stimme von Fuscano, seinem Nachbarn links hinter der Mauer, übertönte für einen Moment alles – und dann waren sie bis spät in die Nacht hinein überall. Sie füllten die Luft im Tal. Lachten und polterten, flüsterten und weinten, wie die Klageweiber aus dem Chor in der griechischen Tragödie, von denen ihm sein Vater erzählt hatte. Nur in den heißen Mittagsstunden, während der Siesta, zogen sie sich zurück und summten leise hinter verschlossenen Türen, wie in einem Bienenstock.
Am Abend, wenn die letzten hellen Klänge des Tages sich beruhigt hatten und schwiegen, wenn nur noch das Meer gegen die Insel schlug, blieb ein tiefes Brummen und Raunen in Phi-lipps Kopf zurück. Dunkle Töne, die sich wie ein Vorhang zwi-schen ihn und eine andere Welt schoben. Dahinter war ein stilles, stummes Feld. Manchmal aus weiter Ferne hörte er von dort ein Flüstern. Ein leises Rufen?
Dann klatschte er in die Hände, schaukelte wild mit dem Oberkörper hin und her, denn er wollte nichts mehr hören. Nicht das Schweigen der Nacht. Nicht das Lärmen des Tages.
Nein, die nächtliche Stille brachte keine Befreiung.