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Astrid Schmeda
Hinter den Kulissen
Roman

ISBN
978-3-943446-47-0

Preis
€ 19,-

548 Seiten

Edition Contra-Bass

Elisa und Vinzent wollen nach der Zeit des Aufbruchs in den 70er und 80er Jahren ein unabhängiges, engagiertes Leben führen.
Elisa ist Gestalttherapeutin und spielt in einer Theatergruppe. Vinzent leitet ein kleines Theater. Elisa hat sich von Vinzent getrennt, sie wechseln sich mit den beiden Kindern ab, doch ihre Liebe ist nicht beendet. Sie gerät an ihre Grenzen, als sie spürt, wie die familiäre Vergangenheit und früher Missbrauch sie in Liebe und Sexualität beschränken.
Sie beginnt eine Therapie bei Adam. Er ist in Israel geboren und hilft ihr, sich der Gefühle für ihren Vater Hinnerk, der Nazi war, bewusst zu werden. Sie fühlt immer mehr in eine starke Anziehung für Adam.
Nach dem Tod von Hinnerk verlässt Elisa ihr bisheriges Leben und zieht mit den Kindern nach Südfrankreich. Sie gründet in der Nähe von Avignon eine Laientheatergruppe und entwickelt zu ihrem Schweizer Nachbarn eine vorsichtige Annäherung, die ihr neues Leben in ein Chaos stürzt.
Auf den verschiedenen Ebenen der Theaterstücke, Träume, Phantasien, Kindheitserinnerungen und durch den Witz und die Neugier der Kinder entfaltet die Autorin ein lebendiges und vielschichtiges Kaleidoskop engagierter Lebenskünstler.

Leseprobe:
Als sie sich vor fünf Jahren entschlossen hatte, aus dem Frauenhaus-Kollektiv auszusteigen und eine eigene Praxis aufzumachen, hatte sie lange mit einer inneren Stimme gekämpft, die ihr verächtlich vorwarf, sie überließe nun den Anderen die schmutzige Arbeit und wollte sich gemächlich im Therapeutenstuhl zurücklehnen. Nach fünfzehn Jahren Frauenhaus sei es erlaubt, hatte sie der Stimme entgegnet, sich eine leichtere Arbeit zu suchen, zumal sie nun mit den beiden Söhnen allein leben wollte und sich eine Arbeitszeit ohne Nachtdienste wünschte. Aber sie wusste, es war ein Ausweichen vor der direkten Gewalt. Sie wollte nicht mehr nachts, von Martinshörnern begleitet, die Frauen aus irgendeinem Versteck holen und dann an der Tür zum Frauenhaus den mit Brecheisen Bewaffneten entgegentreten müssen, um am anderen Tag zu erleben, wie die Frauen ihre Sachen packten und zurück zogen in ihr Elend. Heute konnte sie nicht mehr sagen, was leichter war, vielleicht hatte sie vor der Brutalität kapituliert. Stattdessen hatte sie nun mit dem Horror zu tun, der die Frauen begleitete und schon lange in ihnen lebte, der sie dazu trieb, in ihrem Leben immer wieder die Gewalt zu suchen, nicht weil sie so „veranlagt“ waren, wie Klothilde es nannte, sondern weil sie sich von ihr zu befreien wünschten. Mit dieser Entscheidung war sie in die Sphäre des Unsichtbaren und des Unvorstellbaren getreten, die einen, wenn man nicht aufpasste, nicht mehr losließ. Elisa stand am Fenster und erwartete ihre erste Klientin. Kurz vor neun Uhr am Morgen fühlte sie sich erschöpft, ausgelaugt und abgekämpft wie nach einem langen Arbeitstag.
B. war nicht anwesend. Elisa merkte es gleich, als sie außer Atem an der Tür der Turnhalle ankam und ihre Schwester Hiltrud ihr entgegen kam. Bis nachher! rief Hille ihr zu.
Bruno wollte anfangen. Elisa band sich noch ihre dichten Haare im Nacken zusammen. Sie liefen mehrere Runden in der Halle, schlugen Purzelbäume, warfen sich Bälle zu. Elisa spürte, wie sie sich verwandelte, sie war jung und gelenkig, sie konnte springen und tanzen und lachen. Auch wenn sie sich immer von außen betrachtete. Aber B. war nicht anwesend. Hiltrud hatte ihrem Mann gebracht und würde ihn nachher wieder abholen. Elisa wischte den Ärger beiseite.
Elisa, spielst du noch einmal die Cordelia? rief Bruno ihr zu. Und Oscar macht den König!
Sie begannen wieder bei der Anfangsszene, hier mit den ersten Worten wurde alles festgelegt.
Warum fügte sich Cordelia nicht, wie ihre beiden Schwestern, den Vorstellungen des Vaters? fragte Oscar.
Warum versucht sie nicht, den Vater auf ihre Seite zu ziehen? überlegte Marianne.
Er liebt sie ja eigentlich am meisten, meinte Gritt.
Der Vater stellt die Töchter auf die Probe, erklärte Bruno. Am Ende seiner Karriere möchte er die Liebe seiner Töchter erhalten.
Aber das ist doch dumm! rief Elisa.
Er ist nicht nur Vater, gab Hannes zu bedenken. Er ist der Patriarch, der König.
Der Fehler ist, dass er seine Macht aufteilen will, stellte Wolf fest.
Wieso? Er hat drei Töchter! Oscar grinste Elisa an.
Bruno ging ein paar Schritte auf und ab. Die Situation ist ungewöhnlich. Der König will sein Reich unter seinen drei Töchtern aufteilen, bevor er stirbt. Aber zuvor verlangt er eine Liebeserklärung.
Das heißt, er gibt sie nicht frei! rief Elisa.
Richtig. Oscar nickte ihr zu.
Jetzt gehen wir noch einmal an den Anfang zurück. Bruno machte eine Handbewegung, die sie alle einlud, mit ihm zu kommen.
Es ist wie in vielen Märchen, flüsterte Elisa Hannes zu, als sie sich hinter der Spiellinie aufstellten. Oskar gab das Trompetensignal.

Als Elisa sich umzog, war Hiltrud wieder da. Hast du etwas von Amanda gehört? fragte Elisa.
Wir haben vorgestern telefoniert. Sie sagte mir, dass sie Vater besucht hat und danach sehr deprimiert war.
Bruno stellte sich neben Hiltrud und lächelte Elisa zu. Du bist schon ganz nahe dran. Schön.
Elisa ging einen Schritt auf ihn zu, stockte, sah ihn an und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Danke. Seine Wange war rau. In dieser Sekunde nahm sie den Duft seines ganzen Wesens auf. Sie schaute ihn jetzt nur noch einmal flüchtig an, umarmte Hiltrud schnell und lief davon. Sie sah sich selber zu beim Davonlaufen und stellte sich vor, wie B. sie sehen würde und was er dazu dachte. Dass sie gerötete Wangen hatte und leuchtende Augen, wenn sie ein wenig erregt war und leidenschaftlich eine Sache verfocht, und dass sie schön war, wenn sie spielte. Das würde B. denken.
Es regnete, die Scheibenwischer gaben nur kurze Blicke auf die im Dunkeln glänzenden Straßen frei: ein Paar, das sich unter einem Schirm dem Wind entgegenstemmte, ein einzelner Mann mit hochgestelltem Kragen, der ohne zu schauen die Straße überquerte. Auf der Scheibe wirkte der Regen weißlich dick, wie mit Schnee vermischt, aber auf der Straße gab es nur glitzernde Pfützen. Jonas und Enno hatten Turnschuhe an, erinnerte sich Elisa. Der Abendverkehr schob sich über die breiten Ringstraßen, die die Stadt umgaben, auch die kleinen Abkürzungswege waren verstopft. Elisa wollte ihrem Auto Flügel geben, doch immer musste sie warten. Sie war wütend, dass sie wieder gebremst wurde, wie damals von Klothilde. Als sie endlich in Vinzents Straße einbog und langsam die Reihe der Autos abfuhr, die schon schlafend vor den Haustüren standen, und die Fenster der Villen waren erleuchtet, fürchtete sie, Vinzent könnte böse sein, weil sie zu spät kam. Aber als sie endlich das Auto verließ und durch den Regen lief, die Reihe der stillen Häuser mit ihren Treppenaufgängen und im Wind gepeitschten Blumentöpfen entlang, wusste sie, dass es nicht Vinzent war, der böse wurde, wenn man zu spät kam. Sie klingelte, und die beiden Jungen empfingen sie stürmisch. Hinter ihnen im Licht stand Vinzent, eine Hand in der Tasche, die andere hielt das Buch, aus dem er gerade vorlas.
Entschuldige, du wirst dich verspäten.
Wir fangen heute erst um neun Uhr an, entgegnete er. Willst du reinkommen? Es ist scheußlich draußen.
Elisa war verwirrt über die Vertrautheit, die ihr entgegen kam, sie hätte sich sofort hineinlegen mögen in dieses sanfte und etwas spöttische Lächeln, die aufmerksamen, hellblauen Augen, ihre Nase in das kleine weiche Grübchen in seiner Kehle legen und seine salzige Haut auf den Lippen haben, den einzigartigen Vinzent-Geruch trinken wie eine Verdurstende. Er trat einen Schritt zurück, um sie hereinzulassen.
Die beiden Jungen bearbeiteten sie: Freitag sollen wir bei Vinzent bleiben und zusammen essen, können wir Freitag? Vinzent will für uns kochen, und es gibt Milchreis mit Früchten zum Nachtisch, und du musst dir frei nehmen, er kann nur Freitagabend, und es ist schon alles verabredet!
Elisa blieb in der Tür zum Wohnzimmer stehen, das genau die gleiche Vertrautheit atmete. In diesen Möbeln hatte sie fünfzehn Jahre gelebt. Das ausgesessene, geblümte Sofa, der kleine Sekretär, der Stuhl mit dem verblichenen Stoff, den sie einmal selber bezogen hatte, es war auch etwas Neues hinzugekommen, eine etwas überhebliche Musikanlage mit riesigen Boxen. Gleich daneben stand das Klavier. Es war aufgeschlagen, sie schaute nicht auf die Noten, sie wollte nicht wissen, ob er immer noch den gleichen Beethoven spielte, für Cello und Klavier. Das Zusammenspiel hatte sie oft ausgesöhnt über den lächerlichen Alltagsstreit, aber eines Tages schwiegen die Klänge und wurden nicht wieder angeschlagen. Elisa drehte sich um. Sie war, ohne es zu merken, ins Wohnzimmer hinein gegangen, die Kinder und Vinzent saßen schon wieder auf dem Sofa, und er las weiter.
Wir können am Freitagabend zum Essen kommen, vielen Dank. Aber jetzt möchte ich bald nach Hause. Ich bin müde.
Ihre letzten Worte wurden in einem Sturm der Entrüstung verschluckt, vor allem Enno brüllte und trommelte mit den Füßen aufs Sofa, Jonas blieb einfach still sitzen, angeschmiegt. Lies weiter, Vinzent, lies bitte weiter!
Eure Mutter ist müde, sagte Vinzent und klappte das Buch zu.
Enno trommelte nun mit seinen kleinen Fäusten auf Vinzent ein, Jonas hielt ihn eisern am Arm, schnappte sich das Buch und schlug es geschickt wieder auf. Es war ein Spiel, das alle schon kannten. Vinzent kostete die Stimmung aus, so schien es Elisa, er saß geruhsam in der Mitte und ließ hier jemanden schreien und dort jemanden lachen, wie er es in seinem Beruf gewohnt war. Elisa würde nie ein Buch zuklappen, wenn sie schon wusste, es würde nachher doch das Kapitel zu Ende gelesen.
Lies weiter, rief sie schnell in den Tumult, nur um die Entrüstungswogen zu glätten, ich warte auf dem Flur.
Sie schloss schnell die Glastür zum Wohnzimmer, diese Tür mit dem undurchsichtigen, rubbeligen Glas, den Verzierungen an den Rändern und der Frau in der Mitte, fein eingeritzt, die einen großen Hut voller Früchte trug. Elisa setzte sich auf den Stuhl neben der Garderobe, das Licht aus dem Wohnzimmer fiel auf die Früchte-Frau, Wenn man drinnen war, hatte man genau wie von hier aus das Gefühl, sie käme auf einen zu und lächelte einen an. Elisa ließ alle Eindrücke ohne Vorsicht in sich hineinfließen, sie sah den Spiegel, der schon in ihrer gemeinsamen Wohnung gehangen hatte und der zu der alten Garderobe gehörte, die sie auf dem Sperrmüll gefunden hatten, als noch donnerstags Sperrmüll war und sie mit den Fahrrädern die Straßen abfuhren. Wie herrlich frei sie damals waren! Sie hatte an dem großen Sperrmüllhaufen gewartet, während Vinzent seinen alten VW-Käfer holte, da war dieser Hai gekommen, mit einem Möbelwagen, hatte nur kurz draufgeguckt und gleich angefangen aufzuladen. Aber halt, das ist unsere Garderobe, wir haben sie zuerst gesehen, mein Mann holt nur den Wagen! „Mein Mann“ hatte sie gesagt und war darüber ins Stocken geraten, weil Vinzent gar nicht ihr Mann war und es auch nie werden würde. Man kann sich nicht gegenseitig besitzen, jede Beziehung ist eine Begegnung auf Zeit, die hält, solange die Gefühle sie tragen, das war ihre Überzeugung. Aber das wusste dieser Hai nicht, und damit sie stärker war und nicht nur ein dummes Mädchen, das auf einem Haufen alter Möbel saß, musste sie „mein Mann“ sagen, und diesen Moment ihrer Verwirrung nutzte er aus, griff nach der alten, verschnörkelten Holzgarderobe mit dem geschliffenen Spiegel, aber Elisa sprang auf und hielt an ihr fest. Haben Sie mich nicht verstanden, das ist unsere Garderobe!
Später sagte Vinzent, das sei einer der Momente gewesen, in denen er wusste, dass er sie liebte – als er dazukam und sie mit feuerroten Wangen um die Garderobe stritt. Vinzent hatte Angst um sie und hätte die Garderobe dem Hai gelassen, aber sie hielt daran fest, und so war er fast so weit, sich mit dem Hai zu prügeln, doch es kam ein anderer Mann dazu, und der Hai gab aus unerfindlichen Gründen plötzlich auf und fuhr davon. Die Garderobe, so wie sie hier stand, wusste noch von Vinzents Liebe. Wie konnte diese Liebe verschwinden? Hatte sie sich ausgelebt, war sie nach und nach einfach weniger geworden wie ein Krug Wein, den man austrinkt? Oder war es von Anfang an nur eine Liebe gewesen, die sich auf dieses junge Mädchen bezog, das stark war und gefährlichen Männern entgegentrat? Und nachdem Elisas Angst immer sichtbarer wurde und sie nicht mehr vertuschen konnte, dass sie schwach war, zu schwach vielleicht, um diese Welt überhaupt zu ertragen, da wusste diese Liebe nichts mehr mit ihr anzufangen und flachte ab wie eine Welle, die am seichten Strand ausläuft und versickert? Oder war Vinzents Liebe etwas, was es nur momentweise gab, etwas Großes, Strahlendes wie ein mit hundert Kerzen erleuchtetes Zimmer, dessen Tür nur kurz geöffnet wurde, und man konnte den atemberaubenden Zauber über sich herabfallen lassen und glauben, er sei für einen bestimmt, aber dann wurde die Tür wieder geschlossen. Lange hatte sie gedacht, das sei ihre Schuld, heute jedoch meinte sie, dass es etwas in Vinzents Wesen gab, weshalb er die Tür nur einen kurzen Moment geöffnet halten konnte. Aber Vinzent bestritt all dies.
Warum wolltest du nicht hereinkommen? fragte er, der jetzt neben der Früchte-Frau stand.
Weil ich gleich wieder gehen müsste, hatte sie immer geantwortet. Heute blieb die Frage wie ein Vorwurf zwischen ihnen stehen, Vinzent wollte gar keine Antwort erhalten. Er wirkte verärgert und Elisa wünschte nicht, dass er ärgerlich auf sie war, aber sie wusste, dass sie ein für alle Mal vor der Tür sitzen bleiben musste, und sie durfte auch nicht einen Moment zulassen, den Zauber der hundert Kerzen zu schauen, sie hatte sich schon zu oft daran verbrannt.
Enno bummelte ewig mit seinen Schuhen, und Jonas begann, in langsamen, umständlichen Sätzen Elisa zu erzählen, an welcher Stelle des Buches sie sich gerade befanden und warum sie nicht aufhören konnten. Sie lasen „Unterwegs nach Bigorra“ von Arnulf Zietelmann: eine junge Christin wandert im 8. Jahrhundert mit einem alten Juden von Spanien durch Frankreich, und nun hatten sie gerade den blinden Sarazenen Sahun getroffen.
Vinzent machte sich für die Abendprobe fertig. Elisa drängte die Kinder, sie wollte nicht mitbekommen, wie er aussah, wenn er zur Probe ging, oder ob er etwa abgeholt würde. Sie wollte nicht berührt werden von seinem Leben, und gleichzeitig hätte sie sich neben Enno auf den Fußboden setzen können, um ewig mit den Schuhen zu trödeln und um eigentlich nicht wegzuwollen aus dieser Höhle der Vertrautheit in die unwirtliche Welt.