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Pia Klemp: Allmende und Schrebergarten

Die Allmende (Gemeingut) steht in ähnlichem Gegensatz zum Schrebergarten wie die Studentin Anja zu dem Kriminalpolizisten Bernd. Anja wird fast verrückt vor Wut über die globale Großindustrie, die das Gemeingut „Wasser“ den armen Bewohnern Südamerikas wegnimmt, so dass sie beschließt, zu handeln. Sie will einen Topmanager entführen, um ihn zu zwingen, der Welt die Wahrheit zu sagen über die kriminellen und menschenverachtenden Methoden des Unternehmens. Dabei kommt ihr Bernd in die Quere, der Polizist, der sein Leben und sein Denken in festen Regeln geordnet hat. Sie entführt ihn und muss sich mit ihm auseinander setzen, bevor sie ihre gewagte Aktion starten kann.

Roman
ISBN 978-3-943446-35-7
Preis: € 17,–
264 Seiten
Edition Contra-Bass

Pia Klemp, 1983 in Bonn geboren, ist selber Aktivistin, als Kapitänin eines NGO-Schiffes kämpft sie gegen die schreienden Ungerechtigkeiten auf unseren Meeren. Ihr erster Roman ist atemberaubend spannend und zugleich in selbstironischer Leichtigkeit geschrieben.
Sie schreibt von sich: Ich bin ein zorniger Weltenbummler und engagierter Umwelt- und Menschenrechtsaktivist. Allmende und Schrebergarten habe ich geschrieben, um auch in der Fiktion dort weiter zu machen, wo die Gesellschaft gerne aufhört zu agieren und zu denken. Meine Figuren und ich wollen einen Blick auf eine Welt of-fenbaren, in der das Handeln des Einzelnen mehr bedeutet, als das bloße Sammeln von Payback Punkten.
„Allmende und Schrebergarten“ ist ihre erste Buchveröffentlichung.

Leseprobe
Anja blies den Rauch über ihre Schulter, um ihn nicht beim Essen zu stören.
»Die Allmende ist das Weideland, das Bauern früher gemeinsam bewirtschaften und nutzen konnten. Jedem stand das gleichermaßen zu.“ Bernd bedeutete mit einem Nicken, dass er ihr so weit folgte. »Die Tragik der Allmende ist, dass sich bei so was immer einer zu viel nimmt.« Sie starrte sorgfältig in ihren Kaffee, während sie in sortierter Ruhe fortfuhr: »Die frei verfügbaren, aber begrenzten Ressourcen werden nicht effizient genutzt, und das führt zu einer Übernutzung, die dann auch die Nutzer selbst bedroht.“
Sie machte eine Pause, die nicht enden wollte, und so fasste Bernd zusammen: »Bevor er selber zu kurz kommt, nimmt der Bauer sich lieber etwas mehr.“
Es lag eine angenehme Erregtheit darin, sich normal mit ihr zu unterhalten. Mit der gleichen Vorsicht, mit der man heimlich Wildtiere beobachtet, ließ er sich auf das Gespräch ein. Er wollte hören und nachvollziehen, was sie umtrieb. Je mehr er sie verstand, je mehr er wuss-te, desto weniger fühlte er sich ausgeliefert.
»Fast«, kam Anja ihm entgegen. »Alle bekommen zu wenig, weil einer zu viel nimmt. Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Er nimmt zu viel, und am Ende reicht es dann für keinen mehr, noch nicht mal für ihn.« Geistesabwesend zwirbelte sie in einer ihrer Haarsträhnen. »Heute haben wir das Problem nicht mehr nur auf einem Feld, sondern in einem globalen Kontext. Es ist nicht mehr ein Bauer, der es für eine kleine Gruppe verbockt. Heute kann ein Konzern dystopische Auswirkungen auf riesige Bevölkerungsgruppen und Gegenden haben. Die nehmen allen und sich selber weg, was sie zum Leben brauchen. Land, Wasser, Luft, den ganzen Planeten. Die Armen trifft es zuerst und am härtesten, aber am Ende sind alle dran.«
»Hmhm“, pflichtete Bernd unverfänglich bei, ohne aus seiner Beobachterposition zu fallen.
Ihre Blicke trafen sich, und sie konnten sich nicht ausweichen, als sie sagte: »Ich werde nicht tatenlos zusehen, wie alles kaputt geht, weil die einen sich immer mehr nehmen und die an-deren das in ihrer lähmenden Selbstgefälligkeit zulassen. Am Ende ist es mein Planet und meine Existenz, um die es geht.“
Bernd dachte darüber nach, was sie gesagt hatte, und kaute auf seinem Cracker, der haar-genau so schmeckte, wie er sich Styropor mit Erdnussbutter vorstellte, und auch genauso an den Zähnen quietschte.
»Glauben Sie denn, dass alle Menschen schlecht sind?“, wollte Bernd wissen, und der Rest vom Cracker saugte sich an seinem Gaumen fest.
»Genau das glaube ich nämlich nicht«, grinste Anja darüber, dass gerade sie sich für die Menschheit aussprach und schlürfte an ihrem Kaffee. »Wenn ich alles auf die Natur des Menschen schieben täte, würde ich damit sagen, dass es nur eine Art von Menschen gibt: nur Kapitalisten, Patriarchen und Kolonialisten. Und dann wäre jeder Versuch, etwas zu än-dern, ja totaler Quatsch.“
»Aber Sie glauben, dass die meisten so sind?“
»Naja, die meisten sind schon ziemlich egoistisch. Die Hoffnungsschimmer sind recht ge-dimmt«, lachte sie.
Er fand es unfair, Menschen so zynisch vorzuverurteilen. Als Anja seinen finsteren Blick sah, schüttelte sie abwiegelnd den Kopf: »Natürlich sind die nicht alle böse. Oft schauen sie ein-fach nicht über ihren Tellerrand hinaus, rotieren in ihrem Egozentrismus und verlieren sich in den bestehenden Systemen. Die Leute sehen nicht, und wollen auch nicht sehen, wie groß der Wirkungsgrad ihres Handelns ist. Das reicht ja schon, um es für andere zu versauen. Die verschließen sich davor, dass sie mit dem Kauf von Billigmilch ‘ne somalische Viehhirtenfamilie in den Ruin stürzen. Steht ja auch nicht drauf, dass der ganze Scheiß überproduziert und dann EU-subventioniert in Afrika verkauft wird. Und zwar für weniger Geld, als die Locals das je anbieten könnten. Und da haben wir noch nicht mal über die ökologischen Kon-sequenzen von Massentierhaltung gesprochen.“
Statt des Tellerrandes fand Bernd eine Erklärung: »Natürlich wollen alle das Beste für sich und ihre Familie, dass alle satt und gesund sind. Das ist ja wohl normal, so ist der Mensch halt.“
Sie verzog angewidert den Mund: »Nur weil es ein verbreitetes Verhaltensmuster ist, recht-fertigt das doch noch lange nicht diese Übernutzung, die am Ende allen schadet. Man verdient sich mit Egoismus doch keinen Freibrief.“
»Es geht um keinen Freibrief. Es geht darum, dass man nicht jedermann, zu jeder Zeit für alles zur Rechenschaft ziehen kann. Sie sagen ja selber, dass die wenigsten Menschen mit böser Absicht handeln. Man kann halt nicht bei jedem Schritt und ständig die Auswirkungen auf alle anderen Menschen bedenken. Wir müssen doch darüber reden, was realistisch ist, nicht über die eierlegende Wollmilchsau.“ Er mied ihren belächelnden Blick.
»Ach komm, das sind immer nur Ausreden. Realität kann gestaltet werden. Man kann doch nicht sagen, wir haben das Problem erkannt, aber es ist so viel Arbeit, da lassen wir’s gleich lieber ganz. Das wäre ein ganz schönes Armutszeugnis. Ja, es ist komplexer als die Dorf-wiese, aber nicht unlösbar«, sagte Anja, als müsse Bernd es eigentlich besser wissen: »Ist es denn so unvorstellbar, etwas mehr Verantwortung zu übernehmen? Wäre Veränderung, wäre Verbesserung denn wirklich so schlimm?“
Bernd beobachtete ihr angestrengtes Profil und fragte sie mit ehrlichen Bedenken um ihre geistige Gesundheit: »Und was machen Sie, wenn Sie die Welt nicht ändern und ihre All-mende nicht retten können?«
Anja lachte, nicht nur, weil er jetzt auch von retten sprach.
»Ach, Bernd Freh. Es geht um jedes Leben, das man rettet oder besser macht, selbst wenn am Ende das Schlechte überwiegt. Die Motivation muss sein, das Richtige zu tun, nicht zwingend zu gewinnen. Außerdem, wer hat denn gesagt, dass ich nicht erfolgreich sein werde?“