→ Alle Wasser Stein

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Der Bildhauer Rigot lebt in einer Künstler-Gemeinschaft im Süden Europas. Er wird plötzlich mit einem Steinblock konfrontiert, der in sein Atelier gebracht wurde, und einem Kind, das aus dem Nichts bei ihm auftaucht. Der Stein, den er laut einer im Drogenrausch ausgesprochenen Wette mit dem Bürgermeister gezwungen ist zu behauen, macht ihn unfähig. Zu seinem Verdruss nimmt die lebenslustige Gemeinschaft und vor allem Amata das Kind an. Amata, die er begehrt und für sich allein haben möchte. Das Kind führt Rigot immer wieder an ein Wasser, das ihm ein frühes Trauma zurückbringen wird. Die Nessunos, wie sich die Gemeinschaft nennt, wollen im Jetzt leben und die Vergangenheit vergessen. Sie scheren sich wenig um die bürgerliche Moral, feiern die Freiheit des Einzelnen und genießen den Schutz der Gemeinschaft. Doch am Ende sind sie mit der Außenwelt konfrontiert und müssen sich vor Gericht verantworten. René Müller-Ferchland gelingt es, diese Geschichte zwischen Rausch und Wirklichkeit mit ihren je individuellen Charakteren in großer Spannung zu halten und zu einem überraschenden Ende zu führen.

René Müller-Ferchland
ISBN 978-3-943446-39-5
Seitenzahl 232
Preis 16,00 € D/A/CH
Erscheinungsdatum 1.4.2019

Leseprobe

Nervös lief Rigot durch den kleinen Raum, zum Fenster und wieder zurück zur Tür. Drei halbe Jahre sind fast um. Ich sitze hier und dabei drängt es mich zurück zur Villa… Die anderen werden ihr Obdach verlieren, wenn ich nicht den Stein schlage! Er dachte an Amata und fühlte sich schuldig. Amata… hätte ich Worte…
Ich habe euer Haus verpfändet! Was habe ich euch angetan!
Drei halbe Jahre habe ich es nicht gekonnt – ich habe es nicht gewollt. Nun drängt mich nichts mehr, als diesen Stein zu beschlagen! Und jetzt sitze ich hier fest!
»Lasst mich raus! Was soll ich denn hier?«
War hier niemand außer ihm? Er hörte nichts.
Er konnte sich nicht befreien aus dieser Enge, es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich zurückfallen zu lassen auf die Pritsche und gegen die Wände zu starren. Wie viele Seelen mochten hier festgehalten worden sein! Was war mit ihnen geschehen? Wie viele würden ihnen und ihm noch folgen müssen? Es war unerträglich.
So wankte er stetig zwischen halbem Schlaf und halber Wachheit, und jedes Aufwachen ließ eine neue, vermeintliche Hoffnung entstehen. Doch die Tür blieb verschlossen. Seine Rufe wurden leiser. Ich werde hier bleiben müssen. Die Frist wird verstreichen. Die Villa wird geschlossen. Ihr werdet auf der Rue d’arrêt stehen. Ihr werdet vielleicht auseinander gehen müssen.
Amata. Bist du noch am Leben?
Ihm fror. Er kniete sich auf den Boden und suchte nach einem Stein, mit dem er einen Strich machen konnte. Er kroch sogar unter die Pritsche, unter der er schließlich fündig wurde. Kleiner, wunderbarer Stein! Er drückte den Stein in die Wand, bis er etwas Sichtbares markiert hatte. Ein Strich. Keinen Tag wollte er unmarkiert lassen.
Er hörte Schritte.
»Du, komm mit!« Der Wärter hielt ihn fest am Arm und geleitete Rigot grob aus dem eisigen Gebäude, über die kahle Straße, zum Gericht hinüber. Wie froh war er, dass sich nun die Möglichkeit auftun würde, die Villa zu retten! Er schaute zum Himmel auf. »Wie neblig es heute ist…«
Als er in den holzverkleideten Saal gelenkt wurde, war der schon gefüllt mit vielen unbekannten Gesichtern, die ihn musterten und flüsterten. Er wünschte sie fort und den ganzen Saal leer.
»Komm!« Der Wärter stieß ihn an den Ellenbogen.
In den Reihen zu seiner Rechten entdeckte er ein bekanntes Gesicht nach dem anderen. Da waren Daphne und Simone, die zu ihm hinsahen. Neben ihnen, zum Fenster hin… Amata? Dass sie statt ihres weinroten immer noch ein schwarzes Kopftuch trug, irritierte ihn. Ihr Kopf war zu Boden geneigt. Amata. Er fühlte sich so abgeschnitten von ihr. Er wurde weitergedrängt und bemerkte im Vorbeigehen die anderen; in der nächsten Reihe saßen der Student, Tamara und Lew. Auch sie schienen ihm sehr fern. Sie waren nicht mehr die Gestalten, die ihn im Salon umrauscht hatten. Wie gerne hätte er nun den Rhythmus der Trommeln des Greifen gehört! Dieser starke, lebendige Rhythmus war so tief in ihn eingegangen! Aber Isabella war nicht die gleiche, die diesen Rhythmus gegeben hatte, so wie sie dasaß, auch ganz zusammengesunken, in der ersten Reihe, zwischen Salvador und Jérôme.
Er drehte sich zur anderen Seite des Saales, wo die Menschen aus der Stadt, die Bürger, saßen, denen er Tag für Tag Obst verkauft hatte. Jedermann sah Rigot voller Erwartung an, nur ein Augen-paar war nicht auf ihn, sondern unablässig auf den Boden gerichtet. In einer kleinen, einzelnen Bank, die vor dem Block der Nessunos stand, sollte er Platz nehmen. Der Wärter setzte sich neben ihn. Es war ganz still in ihm.
Dichter Nebel lag vor den Fenstern, er schloss diesen Saal ab, als sollte niemand etwas anderes sehen.
Der Richter war ein Mann, den Rigot noch nie in der Stadt gesehen hatte, dabei war er überzeugt, inzwischen jedem Menschen dort schon begegnet zu sein. Ein selbst im Sitzen großer Mann mit raumgreifender Figur, mit einer dunklen, starken Stimme und einem bestimmten, klaren Ton, wie er gleich hören ließ:
Er holte tief Luft: »Wie kann es sein?« rief er entsetzt und sah sich im Saal um, in dem jede Silbe noch einmal nachhallte. »Wie kann es sein, dass in dieser – in eurer! – Stadt ein Kind verschwindet?«
Rigot wusste in diesem Augenblick, dass der Junge nicht gefunden worden war.
Das war also Richter Eugenius, der in jedes einzelne Gesicht schaute, jedes zu prüfen schien, ohne Rigot genauer ins Visier zu nehmen.
Es wurde schwer geatmet.
»Wie kann es zudem sein…« holte er ebenso eindringlich aus, »… dass dieses Kind nirgendwo verzeichnet wurde? Zum ersten Mal muss ich einen solchen Fall verhandeln, bei dem ich mich auf nichts berufen kann. Nichts! Ihr…« Wieder schien er zugleich jedes einzelne Gesicht zu fokussieren, »… ihr werdet mir Rede und Antwort stehen.« Dann blickte er auf seine Papiere, hob eine Augenbraue und fuhr etwas ruhiger fort: »Der Junge hat an-scheinend bei den Nessunos gelebt. Sie stehen deshalb zuvorderst in der Verantwortung. Und unter diesen der Bildhauer umso mehr, da er zuletzt mit ihm zusammen war!«
Der Wärter führte Rigot auf ein Handzeichen von Eugenius hin von der Bank nach vorne, zum Pult.
»Fangen wir ganz von vorne an. Wie heißt du?«
»Man nennt mich Rigot.«
»Und das Kind… sein Name…« Er blätterte.
Rigot kam ihm entgegen: »›Gabriel‹ haben wir ihn genannt.«
»Gabriel. Bist du in irgendeiner Weise mit ihm verwandt?«
»Nein.«
Stille im Saal.
»Warum war er bei euch – da oben in der Villa Nessuno, und also nicht bei seinen Eltern?«
Rigot hob die Schultern.
»Wie lange lebte er denn bei euch?«
»Drei halbe Jahre.« Und nach einer Pause: »Er ist einfach auf-getaucht.« Und als er sah, dass Eugenius zur nächsten Frage anhob, kam er ihm gleich zuvor: »Wir haben nicht herausgefunden, wo er hergekommen ist. Die Dame, die ihn damals gebracht hat…«
»Eine Dame…«
»Eine Unbekannte, die gleich wieder verschwand. Kein Wort hat sie gesagt.«
Eugenius sah ihn misstrauisch an. »Ihr habt ihn also dabehalten. Ihr habt ihn nicht gemeldet.«
Rigot musste plötzlich an das Willkommensfest denken. Wie sie dem Jungen das Gesicht mit Indigoblau angemalt hatten. »Nein. Ich habe gedacht, dass die Dame ihn vielleicht wieder abholen würde…«
»Das hast du auch noch nach einem halben… nach einem ganzen Jahr gedacht?« Eugenius schüttelte den Kopf. »Nun ist er verschwunden. Du bist der letzte, der ihn gesehen hat. Ihr wart zusammen am Weiher hinter den Feldern…«
»Es ist eigentlich kein Weiher. Es ist ein kleiner Fluss.«
»Ihr wart an jenem Abend dort.«
»Ja.«
»Warum das? Und warum zu so später Stunde?«
»Nun… wir waren gerne dort. Er mochte das Wasser.« Vor seinem inneren Auge fand er nur noch die hellen, schönen Stunden mit dem Jungen. Er hörte ihn jauchzen. »An diesem Tag blieben wir wohl einfach länger dort… Wir merkten nicht, wie die Zeit verging…«
»Er mochte also das Wasser. Du hast ausgesagt…« Wieder blätterte er und sah voller Unverständnis aufs Papier: »… der Junge sei ›im Wasser geblieben‹…«
»Aber… nein…!«
»Nein? Das hast du nicht gesagt? Nun, es gibt Zeugen…«
»Ich habe gesagt…, ja doch… dass er im Wasser geblieben ist…«
Getuschel über die Bänke hinweg.
»Sag, wusstest du, dass man von Gabriel spricht?«
»Nun…, es war im ersten Moment, da ich gefragt wurde…«
»Was war da gestern Morgen mit dir? Warum warst du nicht klar?«
Rigot wusste nichts zu antworten. Er schloss seine Augen, um eine Antwort zu sehen, die er hier geben könnte. Doch zu viele Bilder rasten durch seine Gedanken, zu laut war es inzwischen geworden.
»Ist er ertrunken?«
Rigot stand auf und schaute zu den anderen, die ihn mit einer ähnlichen Fassungslosigkeit ansahen wie die Leute aus der Stadt. Im Versuch zu begreifen, worum es hier ging, begann er das Pult abzutasten, seine Hände landeten an seiner Kleidung, die er suchend abfuhr. Und da, in seiner Hosentasche fand er die kleine, siebengliedrige, vom Jungen geschenkte, ihn seither immer be-gleitende Panflöte. Obwohl sich ihm der Hergang der Nacht noch immer nicht erschließen wollte, konnte er jetzt zumindest sagen:
»Nein… ich… ich denke nicht…« und setzte sich wieder.
»Du ›denkst‹ nicht? Weißt du es genau? Du hast ihn also nicht ertrinken sehen?«
»Nein, ich habe ihn nicht ertrinken gesehen.« Er meinte, in all seinen Gliedern zu wissen, was geschehen war, er fühlte es! Sehen konnte er noch immer nichts. Er griff nach einem Arm, der nicht einem Kinde gehörte! Es war ihm so gegenwärtig, diese feste Be-rührung. Doch er konnte sie nur für diesen winzigen Moment aushalten, dann ließ er sich erschöpft wieder in den Stuhl und hinter den Vorhang sinken, der vor ihm wehte.
»Hast du im Wasser nach ihm gesucht?«
Er sah zu Amata hinüber, die ihren Kopf nicht hob. Ihm war aber, als bewegten sich ihre Nasenflügel. Die anderen Nessunos sahen gespannt zu ihm hin.
»Natürlich habe ich nach ihm gesucht! Zuerst am Ufer, auf und ab… und dann… ich weiß es nicht.«
»In dem Bericht steht, dass du vollkommen durchnässt warst, als du auftauchtest…«
Wieder durchfuhr es Rigot, heiß stieg in ihm auf, was er von sich schütteln, mit aller Macht von sich weisen wollte. Doch er musste hier ja aussagen, um die Villa zu retten! »Es war stürmisch… Regenschauer von oben und vor mir… das endlose Wasser…« Rigots Hände umklammerten das Pult.
Nun wurde unverhohlen laut im Saal gesprochen, Eugenius bat mit einem Fingerzeig um Ruhe. »›Regenschauer‹? Es war windig in jener Nacht, doch fiel kein Tropfen vom Himmel! ›Das end-lose Wasser‹? Rigot – meinen wir denselben Ort? Diesen klei-nen Wasserlauf da oben? Warst du bei dir? Bist du ohnmächtig geworden?«
»Was hätte ich darum gegeben! Nein!« rief Rigot.
Eugenius schien sich sammeln zu müssen. »Als du an der Kirche auftauchtest, warst du alles andere als bei dir. Hast ja kaum deine eigenen Leute erkannt! Und heute redest du auch mehr wirr als klar.« Eugenius fasste die Papiere vor sich, klopfte sie auf seinem Tisch zusammen.
»Rigot, ich stelle dir nun eine wichtige Frage. Überlege gut, was du sagst: Hättest du ihn aus dem Wasser ziehen können?«
Rigot war von dieser Frage bis in seine verängstigten Kinder-knochen getroffen. Er wurde immer unruhiger, sah sich nach links und rechts um. »Ich… ich…« Da war wieder der Arm, der große, schwere Arm, nach dem er machtlos griff. Er schwitzte.
Eugenius’ dichte Augenbrauen zogen sich zusammen. »Antworte! Hättest du ihn retten können?«
»Ihn retten können…? N… nein. Aber hören Sie… ich…«
»Genug.« Er hob gegen Rigot seine Hand. »Genug von dir.« Und er sah ihn an, als sei hier schon ein Urteil gefällt.