→ Der Kummer

Lionel Duroy’s autobiografischer Roman beginnt mit der Besatzung der Deutschen in Frankreich im Zweiten Weltkrieg. In dieser Zeit heirateten die Eltern. Der Vater hatte außer dem adligen Namen weder Beruf noch Vermögen, die Mutter aber wollte ein Leben in den besseren Kreisen.
Lionel, im Roman William, ist das vierte von 10 Geschwistern, und alle erleben sie den Abstieg einer Familie in der Nachkriegszeit, die aus den Luftschlössern, die der Vater seiner Frau versucht zu erschaffen, ins Nichts stürzt. Zugleich mit der atemberaubenden Geschichte dieser Familie erhalten wir einen Blick auf die politische Entwicklung Frankreichs vom Algerienkrieg bis zum Mai 68 und darüber hinaus bis 2010.
William folgt bis zum Erwachsenwerden der Perspektive der Eltern, die auf Seiten Pétains und gegen die Résistance waren, auf Seiten der putschenden Generäle gegen De Gaulle, und die im Mai 68 aus Angst vor einer bolschewistischen Regierung nach Australien auswandern wollten.
Langsam erfolgt das Erwachen des jungen Mannes, der die Welt nicht kennt und entdecken muss, dass sich der Kummer seiner Kindheit in sein erwachsenes Leben und seine Liebesbeziehungen frisst. Als Journalist bemüht er sich um die Aufarbeitung der Kollaboration und die Bewältigung der kolonialen Unterdrückung, reist in Krisengebiete wie den Balkankrieg und wird dort immer wieder mit seinem eigenen Kummer konfrontiert.

ISBN 978-3-943446-16-6
592Seiten
Preis: 19,90 €

Aus dem Französischen übersetzt von Gerd Stange.
Die Übersetzung wurde gefördert vom Centre national du livre.

 

Leseprobe
Der Ursprung meiner Ankunft auf der Welt, der Ankunft von uns elf Kindern auf dieser Welt, liegt in der Liebe, die sich unsere Eltern erklärt haben. Alle Schmerzen, die sie sich in der Folge zugefügt haben, alle Schrecken, deren Zeugen wir geworden sind, können die innigen Worte nicht auswischen, die sie sich im Winter 1944 gesagt haben.
Sie haben einander so sehr gewollt, erwartet und ersehnt, dass sie sich in den Wochen nach ihrer Heirat mitten am Nachmittag leidenschaftlich lieben. Mir kommt diese Szene in den Sinn, die mir Onkel Armand, der jüngere Bruder meiner Mutter, berichtet hat: Als er versehentlich eine Tür öffnet, entdeckt er sie halbnackt, ihre Körper ineinander verschlungen, sie sind außer Atem und verlegen, dreiundzwanzig und vierundzwanzig Jahre alt. Damals hat Mama nur einen Vorwurf, den sie Papa macht, eher ist es ein Bedauern: Sie findet ihn ein wenig zu klein im Vergleich zu den beiden Männern aus ihrem Leben, ihrem Vater und ihrem Bruder. Während Papa sich überhaupt nicht zu beklagen hat; es heißt, dass man sich auf der Straße nach Mama ihrer Schönheit wegen umdreht.

Beim näheren Hinschauen scheint mir jedoch, dass Papa mit vielen anderen Handikaps in diese Ehe kommt als nur seinem kleinen Wuchs. Ich will von seiner Familie erzählen, diesen Dunoyer de Pranassac, die Mama das ganze Leben lang mit ihrem Hass und ihrer Verachtung verfolgen wird. Was weiß sie oder denkt sie von ihnen am Vorabend ihrer Hochzeit? Viel bestimmt nicht, im Vergleich zu dem, was danach ihr Ressentiment geschürt hat, denn ich kann mir vorstellen, dass sie sonst nicht diesen jugendlichen Appetit auf ihren jungen Gatten gehabt hätte.
Théophile Dunoyer de Pranassac, mein Vater, kommt am 25. Februar 1920 auf dem Familienschloss von Formont in Ambarès (Gironde) zur Welt. Er ist der Sohn von Henri Dunoyer de Pranassac, pensionierter Hauptmann der Kavallerie, damals vierundfünfzig Jahre alt, und von Alix Dunoyer de Pranassac, zweiunddreißig Jahre und ohne Beruf. Sie haben beide denselben Namen, sie sind Cousin und Cousine ersten Grades, was Mama später dazu bringen wird zu sagen, dass sie in eine „Familie von Degenerierten“ gekommen ist. Alix und Henri bekommen danach kein weiteres Kind als diesen Théophile, genannt Toto, und ziehen ziemlich bald um in ein bescheidenes Haus, Nummer 30 in der Rue de Caudéran in einem Vorort von Bordeaux.

Als Toto Mama begegnet, lebt er allein mit seiner Mutter und einer ihrer Schwestern, seiner Tante Elisabeth, die niemals geheiratet hat. Sein Vater, der Hauptmann, ist 1936 gestorben. Hager, die Haare mit Pomade nach hinten gekämmt, wie man sie zu der Zeit trug, ist Papa 1944 hinreißend schön, und beim Betrachten seines Portraits begreife ich, dass Mama sich von ihm hat verführen lassen.