→ Revolutionen – Machtkampf oder Emanzipation

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Gerd Stange
Revolutionen – Machtkampf oder Emanzipation

ISBN 978-3-943446-43-2
216 Seiten

Inhaltsbeschreibung

Mein politisches Interesse gilt besonders der sich anbahnenden ökologischen Katastrophe in Zeiten des kriselnden Kapitalismus, mit dem es ein Ende haben muss. Sein Lebenszweck, das hemmungslose Wachstum, mündet in Verteilungskriege und die Zerstörung der Erde. In der Krise wächst seine Kriegsbereitschaft, im Aufschwung die Umweltzerstörung. Die wesentlichen Revolutionen der Neuzeit habe ich in diesem Essay darauf untersucht, wer jeweils am Machtkampf beteiligt war und mit welchen Interessen. Entscheidend für den Erfolg war, ob und für wen es darüber hinaus auch um individuelle und gesellschaftliche Emanzipation ging. Die Durchsetzung des Kapitalismus in Europa gegen die feudalen Mächte der Könige, Kaiser oder Zaren hat zwei Jahrhunderte gedauert. In dieser kurzen Zeit (gemessen an der Geschichte der Menschheit) hat er Erstaunliches (wie das elektrische Licht)und Erschreckliches (wie zwei Weltkriege) hervorgebracht, unermessliche Reichtümer und absolutes Elend, Milliarden neue Menschen und die Möglichkeit, alles Leben zu zerstören. Revolution bedeutete für die meisten, den Wechsel der politisch Mächtigen mit militärischer Gewalt zu betreiben, Bürgertum gegen Adel, Proletariat gegen Bour-geoisie, Klassen kämpften gegen Klassen um den staatlichen Machtapparat. Das ist Machtkampf, aber keine Emanzipation. Doch wenn das Volk beteiligt war, gab es Ansätze einer neuen Gesellschaft. Das zeigt dieser Essay.

Gerd Stange, geboren 1944 in Hamburg, politisch engagiert in der Schule (Schülerzeitung), Mitbegründer des Sozialistischen Büro SB in Hamburg und des Autonomen Bildungs-Centrum ABC in Hüll. Aktiv in der politischen Jugend- und Erwachsenenbildung von1974 bis 1997. Seitdem lebt er in Südfrankreich, wo er  gemeinsam mit Astrid Schmeda  ein Kulturzentrum aufgebaut hat. www.gerhardstange.de

Leseprobe

Krise des Fortschritts – Fortschritt der Krise

Die nächste Krise wird fast alle Staaten weltweit betreffen, nicht nur die kapitalistisch führen-den Mächte wie im 19. und 20. Jahrhundert. Sie kann selbstverständlich wieder faschistisch und militaristisch bewältigt werden und in eine grausame Katastrophe mit Zerstörung und Massenmorden münden oder in die Feudalgesellschaft mit religiösen Führern zurückführen. Aber sie wirft unweigerlich die Frage nach einer Alternative zum Kapitalismus auf, denn er ist die Ursache. Alle Versuche, mit verschiedenen Formen politischer Verfassung auszuhelfen, konnten so lange Anhänger gewinnen, wie sich der Kapitalismus als einzige Wirtschaftsform noch nicht durchgesetzt hatte.
In der DDR konnte man glauben, die staatliche Gängelung des Kapitalismus sei das Problem. Seit 1989 hat er sich frei entfalten können. Fast alle Revoltierenden aus der DDR sind „nach drüben“ in den Westen gegangen, und viele sind ernüchtert. Sie wissen keine Alternative mehr, weil diese seit 1917 von der Sowjetunion verstellt war. Jeder Staat, der ökonomisch mit dem Kapitalismus mithalten oder ihn gar überbieten will, muss die Industrie durch technische Entwicklung so effektiv wie irgend möglich machen und Natur und Mensch rücksichtsloser ausbeuten als der Kapitalismus. Alle drei Komponenten der Kapitalverwertung sind ihr also untergeordnet: Natur, Mensch und auch die Technik. Technischer Fortschritt bedeutet bessere Profitbedingungen für das Kapital, mehr nicht. Es kann für die menschliche Gemeinschaft eine Katastrophe sein wie die Atomindustrie oder das Schiefergas. Die Langzeitfolgen der Endlagerung radioaktiven Materials oder der Untergrabung ganzer Landstriche für die Gas-gewinnung sind noch nicht abzusehen und dem Kapital egal.
Ein Beispiel, über das nicht weiter geredet wird, sind die kilometerlangen Tunnel aus der Koh-legewinnung im Ruhrgebiet.
Das Konzept des technischen Fortschritts von Marx ist also schon vor hundert Jahren an Grenzen gekommen. Trotzdem gilt bis heute auch bei den meisten Linken technischer Fort-schritt grundsätzlich als Fortschreiten in der richtigen Richtung. Alles Machbare ist in diesem Verständnis notwendig. Das stimmt schon lange nicht mehr, denn es wendet nicht mehr alles die Not, sondern produziert sie erst. Psychopharmaka, die verrückt und abhängig machen, statt zu heilen, sind nur ein Beispiel.
Zurzeit ist die Automatisierung ein großes Thema, weil dadurch Wettbewerbsvorteile entste-hen im Vergleich zu den Unternehmen und Branchen, die Lohnarbeit bezahlen müssen. Ro-boter sind jedoch auch nur Maschinen, die menschliche Arbeit ersetzen und zur vollautomati-schen Fabrik oder Industrieanlage führen. In Hamburg erfolgt das Löschen und Laden von Container-Schiffen bei der HHLA schon vollautomatisch. Bis zur vollständigen Abschaffung menschlicher Arbeit in allen Bereichen ist es noch ein langer Weg, weil die Automaten nur bestimmte Tätigkeiten ersetzen können, die berechenbar sind. Aber entscheidend ist, dass der Kapitalismus die eine Quelle seines Reichtums abschaffen will – die menschliche Arbeit – und die andere Quelle – die Natur – zerstört. Das wäre das Ende der Lohnarbeit – also fast aller Menschen. Der Kapitalismus hat keine Zukunft, weil er seine einzigen Quellen vernichtet – entweder sofort im nächsten Weltkrieg oder in der Zukunft mit dem vollautomatisierten Le-ben und den arbeitenden Robotern. Zu Ende gedacht wären die übriggebliebenen Kapitalisten so lange am Leben, bis die natürlichen Ressourcen aufgebraucht sind. Der Kapitalismus hat also Grenzen, aber es gibt Wissenschaftler, die an deren Überwindung arbeiten: Die Züchtung neuer Menschen aus dem Reagenzglas, die den Robotern beim Wettkampf zuschauen. Schwieriger ist es mit den Metallen der seltenen Erden, die so viel gebraucht werden, aber eben zu selten sind.
Unsere Chance in einer revolutionären Situation ist, dass wir etwas Neues entwickeln und aufbauen müssen, weil es die zukünftige Gesellschaft noch nie dauerhaft gegeben hat, aber viele Fehler schon gemacht und viele Illusionen genommen wurden. Kapitalismus ist ein Prinzip, aus Etwas mehr als vorher zu machen, rein quantitatives Wachstum von Kartoffeln und Kokain, Krankheiten und Ersatzteilen für kaputte Körperteile, Zerstörung und Wieder-aufbau, Atombomben und Verhandlungen zu ihrer Abschaffung, Verlängerung der Arbeitszeit und zusätzlicher Betreuung für mehr Arbeitslose…Nicht nur lässt der Kapitalismus Kriege immer wieder zu, sondern er braucht sie auch für die Waffenproduktion. Jede Krise vernichtet Gebrauchswerte, damit die Überproduktion verschwindet und die Nachfrage wieder steigt. Nicht jeder verdient an Katastrophen (wie die Bauindustrie, Beerdigungsunternehmen …), Versicherungen zum Beispiel nicht. Aber nach der Krise geht es mit verbesserter Technik wieder aufwärts, denn der technische Fortschritt garantiert die Überlegenheit gegenüber der Konkurrenz. Der Staat hilft oft den Unternehmen, die Überproduktion zu beseitigen, wenn kein Krieg geholfen hat. Dann gibt es zum Beispiel Abwrackprämien für Autos bei Anschaf-fung eines Neuwagens. Das Automobil ist das Produkt der kapitalistischen Leitindustrie seit Ford vor einem Jahrhundert. So lange schon und doch so kurze Zeit. Noch leben Menschen, die den Aufstieg des Automobils erlebt haben. Trotzdem ist die Landwirtschaft im Zentrum des Kapitalismus, weil die Ernährung aller Menschen an ihr hängt und der Fortschritt nirgends so radikal durchgesetzt wurde. Innerhalb von zwei Jahrhunderten dieselbe Anbaufläche mit 2 Prozent der Bevölkerung zu bewirtschaften, die zuvor 80 bis 90 Prozent beschäftigte, und die Mehrheit weltweit in Städte zu sperren: das ist eine unvorstellbare „Leistung“ des „Fortschritts“. Damit wurde die größte Entfremdung des Menschen von seinen Lebensgrund-lagen durchgesetzt, an der auch die Schrebergärten und ‚Urban Gardening‘ nichts mehr än-dern werden. Jedenfalls sage uns niemand, der Mensch lasse sich nicht verändern. Claude Lévi-Strauss hat die kalten Gesellschaften, die über lange Zeiten stabil und unverändert blieben, den heißen gegenüber gestellt, die sich ständig verändern und die kalten zerstören. Der Kapitalismus ist die heißeste von allen, die sehr viele Gemeinschaften von Tier und Mensch in atemberaubender Geschwindigkeit unwiderruflich verbrennt – wie ein permanenter Vulkan-ausbruch, der nicht nur die Saurier abschafft. Alle Nomaden, alle Indianer, alle Bauern, alle Fischer müssen dran glauben, damit sie in die Stadt ziehen.
Diesen Prozess des Fortschritts, der Zerstörung von Gemeinschaften und Durchdringung einer Gesellschaft bis in die letzten Poren mit seiner Produktionsweise hat der Kapitalismus in Europa begonnen und in den USA am weitesten getrieben. Er erreicht inzwischen auch die letzten Indios im Amazonasdschungel und hat Brasilien, Indien und andere Schwellenländer im Griff, und selbst die feudalen Staaten im arabischen Raum arrangieren sich. Die „Arabelli-on“ wurde von der Jugend getragen und war im Prinzip die klassische bürgerliche Revolution gegen den Feudalismus, nur dass sie weiterreichende Ziele in sich trug – wie so oft auch früher schon die Volksaufstände. Die letzte Krise 2008 ff hatte fatale Folgen für Afrika, das ansonsten noch ziemlich fest in den Händen der alten Kolonialmächte ist, nur China dringt verstärkt ein und bringt mehr Kapitalismus. Es scheint so, dass China seine Rettung bald vordringlich auf afrikanischen Märkten suchen wird. Aber die Kolonialmächte Frankreich und Großbritannien werden bremsen, um ihre Macht zu behalten. Jedenfalls sind die Grenzen des Wachstums nicht erreicht, wohl aber die der Naturzerstörung vor allem im Bereich des Wassers (Flüsse, Meere und Grundwasser). Das Schreckliche ist: Die USA kalkulieren mit der Umweltzerstö-rung, aus der auch wieder ein Geschäft zu machen, Umweltreparatur. Das Schmelzen der Pole ist auch ein Geschäft, insbesondere für die USA, die dadurch Zugang zu den Bodenschätzen in Alaska bekommen. Ansonsten: „Nach mir die Sintflut, die wir auch überlebt haben“. Wenn Trump mit seiner zynischen Haltung zu Umweltfragen und Verachtung vor sozialen Verlie-rern sich durchsetzt und erfolgreich ist, bevor ihn die nächste Weltwirtschaftskrise einholt, wird es schwerer mit einer Revolution, weil der Einsatz von Atombomben nicht auszuschlie-ßen ist. Aber seine protektionistische Politik schwächt andere Branchen als die Automobilin-dustrie und verhindert nicht die Krise, die allem Anschein nach wieder aus den USA startet.
Der Kapitalismus hat kein natürliches Ende, weil er von Menschen gemacht ist. Selbst aus Ruinen kann er erfrischt auferstehen. Aber er kann die Welt zugrunde richten.
Historisch ist der Kapitalismus an einem Punkt angelangt, wo er selbst Scheiche auf den Weg der Industrialisierung schickt. Die Produktion des Lebens wird dann fast überall nicht mehr von Bauern, sondern von landwirtschaftlichen Industrieunternehmen mit Maschinen be-herrscht. Die kommende Weltwirtschaftskrise wird zum ersten Mal die Situation vorfinden, die Marx im Kopf hatte: Die Mehrheit der Völker wird hungern und dürsten und einer Verei-nigung von Profiteuren gegenüberstehen, die mit allen Mitteln versucht, ihre Macht zu erhal-ten. Die Krise wird nicht nur in einem Staat eine kritische Situation schaffen, sondern in fast allen kapitalistischen Staaten. 1929, als in den USA eine ähnliche Situation wie 2008 bestand, waren es nur wenige Staaten, die in den Strudel hineingezogen wurden, weil ihre Industrie-produktion einbrach. Konsumgüter, Autos und Häuser konnten nur noch auf Kredit verkauft werden, weil zu viel produziert wurde. Nach dem Wohnungsbau geriet dann auch die Stahl-produktion in die Krise, die faulen Kredite führten zum Börsenkrach. Alle Agrarstaaten betraf die Krise nur insofern, als sie ihre Agrarprodukte nicht mehr verkaufen konnten, denn auch der Handel kollabierte. 1929 betraf die Wirtschaftskrise im Wesentlichen die kapitalistischen Zentren. 2008 war die Krise viel globaler.